Winterfreuden - Schlittenfahrt
von Hajo Stenger
Winter in Haigerloch brachte uns Missionsschülern immer wieder besondere Überraschungen, ja Freuden. Dabei war die besondere Rodelbahn, der Annaweg, von besonderer Bedeutung. Man konnte bei idealen Bedingungen von ganz oben, am Beginn des Weges über den Innenhof bis hinter die Ställe fahren. Dazu kam noch der Hang hinter den Ställen, der sich optimal für Skiabfahrten eignete. Besonders die Schüler vom „Oberland“ – die Region südlich von Haigerloch – waren da in ihrem Element und sausten den Hang hinunter.
Abb.
1: Der Hang hinter dem Stall war eine beliebte Skipiste, auch im Winter 1958/59. Wer
kennt die beiden Skifahrer noch?
Soweit ich mich erinnere, fiel bei solch wunderbarem Schnee auch der Pflicht-Spaziergang am Mittwoch bzw. am Sonntagmittag aus und wer wollte konnte nach Herzenslust den Schnee genießen. Da verging die Zeit schnell und die Kälte haben wir gut ertragen. Wem es zu kalt war, der konnte sich in den Klassensaal setzen; hier war der Kachelofen gut geheizt und man konnte schön die starren Glieder wieder in Gang bringen. Bisweilen hing der Ofen auch voll mit nassen Klamotten, die die Eleven hier zum Trocknen aufgehängt hatten.


Der Annaweg war die eigentliche Rodelpiste: Sie war recht lang, von oben am Beginn der Straße bis hinter die Stallungen. Offensichtlich waren einige Schlitten im Bestand des Missionshauses. Dies konnten in der Erholung „erorbert“ werden und waren dann beliebte Sportobjekte. Obwohl es zeitweise sehr schnell bergab ging und im Bereich des Innenhofes oft Eis auftrat, sind mir Unfälle nicht bekannt. Die Knäblein hatten halt gute Schutzengel! Dass die Jugendlichen aus dem Dorf unsere Piste gern besuchten, habe ich bereits an anderer Stelle erwähnt; auch habe ich über weitreichende Folgen bei sog. „unerlaubten Abfahrten“ mit Mädels vom Dorf berichtet (siehe Beitrag über Gypkens). Aber das waren eher die Ausnahmen.
Die Kälte hatte natürlich auch ihre Kehrseite. Das war auch im Winter 1958/59. Wir waren damals auf Untertertia und belegten den Schlafsaal unterm Dach im zweiten Stock rechts hinten. Da war es so kalt, dass sich Eisblumen an den Fenstern bildeten. Beim Aufstehen am Morgen war das Waschwasser so kalt, dass man es am liebsten gar nicht benutzen wollte. Ich bin mir nicht sicher, ob es in diesen Schlafräumen überhaupt eine Heizmöglichkeit gab. Ich besaß glücklicherweise eine Federbettdecke. Diese hatte mir die Mutter der Gebrüder Reith aus unserer Pfarrei in Frankfurt zum Einzug nach Haigerloch 1956 geschenkt. Familie Reith betrieb in Frankfurt eine große Schlosserei, die Frau hatte das dazugehörige Mundwerk, wie es sich für eine Geschäftsfrau gehört, und sie bestand darauf, dass sie 12 Kinder hat, was ihr im Lauf der Zeit auch wohl gelungen ist. Zwei davon, Josef und Fritz – er nannte sich später David - sind am 19.4.1955 in Haigerloch gelandet, aber keiner ist den Weg zu Ende gegangen und Weißer Vater geworden, sondern beide haben 1957 das Missionshaus wieder verlassen. Von daher kannte Frau Reith die kalten Winter in Haigerloch und wollte mir und meinem Freund Friedel May, die wir beide aus bescheidenen Verhältnissen stammten, etwas Gutes tun und gab uns dieses sehr nützliche Geschenk.
Ja, wir waren damals für jede Abwechslung dankbar, auch wenn es nur der Schnee im Winter war. Das war nicht verwunderlich, denn jeder Tag hatte den gleichen durch die Hausregel geordneten Ablauf. Da brachte natürlich das Naturereignis Schnee Farbe in unseren Alltag.
Hajo Stenger
Stadecken, den 15.01.2017