Die Klepfer

Webseite ehemaliger Schüler der Weißen Väter und ihrer Weggefährten

Trier – unvergessen

von Hajo Stenger

„Hurra, Abitur“ oder „Gott sei Dank, Abitur“ – Welcher Ausruf bewog uns damals, Anfang Februar 1964, als wir in Großkrotzenburg gerade unser Abitur hinter uns hatten. Ich kann nicht für alle 13 Kreuzburgknappen sprechen, die erfolgreich die Reifeprüfung absolviert haben. Mir scheint das „Gott sei Dank!“ am ehesten zuzutreffen, zumindest was auch meine damalige Disposition angeht. Zwar waren wir froh, dass wir das Abi geschafft hatten, aber viele waren mit den Noten auf unseren Zeugnissen nicht zufrieden. Freilich mit Abiturnoten heutzutage waren die ganz und gar nicht zu vergleichen. Bei uns war ein Notendurchschnitt von 2,5 bis 3,5 eher die Regel und das nicht, weil wir etwa geistig unbemittelt waren, sondern weil dies damals an der Kreuzburg der Usus war. Es kam ja hinzu, dass ein Vertreter des Landes Hessen, ein gewisser Herr Putschbach als Prüfungsvorsitzender fungierte und da wollte sich keiner, egal ob Pater oder auswärtiger Lehrer eine Blöße geben.

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Abb.: 1 Abiturfoto 05.02.1964 im Hof der Kreuzburg vor den Klassensälen: vlnr. Günther Mayer, Gustl Teichmann, Otto Martin(†), Rudi Schäfer, Franz Scholz, Theo Stüer (†), Franz-Josef Eulenbach (†), PENG P. Engelbert (†), Franz Lienen, Franz Hohmann (†), Hajo Stenger, Albert Schrenk (P.)Hubert Bonke (P.†), Heinrich Parusel (†). Werner Wanzura ist nicht mehr auf dem Bild; er ist nach UI direkt nach Trier gegangen und kam dann nach einem propädeutischen Jahr dort wieder in unseren Kurs.

Das Stimmungsbild der Abiturienten spiegelte sich seinerzeit auch gut im anschließenden Kommers in Wasserlos. Da war tote Hose; die Pauker saßen zwar alle dabei, aber keiner der Abiturenten schwang sich auf zu einer Rede oder gar Lobeshymne auf die vergangenen Zeiten. Man war eben noch ziemlich frustriert. Und das obwohl für das anschließende Studium eigentlich kein besonders qualifizierter Notendurchschnitt erforderlich war. So hätten alle mit Ihrem Zeugnis ohne große Schwierigkeiten noch Medizin studieren können. Das wollte aber keiner, soweit ich mich noch erinnere. Der reguläre Weg führte nach Trier in das Seminar der Weißen Väter in die Dietrichstraße 30, um hier mit dem Studium der Philosophie die Laufbahn eines Missionars, eines Weißen Vaters, zu beginnen.

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Abb.: 2 Zu diesem Zeitpunkt waren schon die höheren Semester im Noviziat.


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Abb.: 3 Die Semesterliste im WS 1964/65


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Abb.: 4 Einige Erstsemster 1964 im Hofeingangsbereich: Theo Stüer, Joh. Peter Derichs, Lothar Maurer, Walter Moser, Günther Mayer, Hajo Stenger, Fritz Stenger, Albert Schrenk, Jürgen Fuhlbrügge, Franz Lienen, Hubert Bonke – Martin Neher, Peter Roth und Werner Wanzura fehlen auf dem Bild.

Ich erinnere mich noch gut daran, als etwa ein halbes Jahr vor dem Abitermin der damalige Provinzial P. Franz Gypkens in der Kreuzburg auftauchte. Alle künftigen Abgänger mussten zum Gespräch bei dem arrogant wirkenden Großmeister erscheinen, um ihm die eigenen Pläne für die Zukunft zu präsentieren. Von uns 13 Missionsschülern hatte nur Franz Hohmann den Mut zu sagen, dass er mit Sicherheit nicht nach Trier gehen werde, sondern Chemie studieren werde. Die restlichen 12 stellten das Studium in Trier in Aussicht, was vorerst den gestrengen Pater befriedigte. Franz erhielt freilich sogleich seine Strafe und er bzw. seine Eltern mussten ab sofort eine erhöhte monatliche Pension zahlen. Um etwas Geld zu verdienen hatte ich mit Franz Hohmann noch in der langen Zeit zwischen Schulende und Studienbeginn bei der Trümmerverwertungsgesellschaft im Frankfurter Riederwald gearbeitet. Da standen wir 8 Stunden am Tag an einem mächtigen Kreiselbrecher mit 6 Metern Durchmesser und mussten mit langen Stangen darauf achten, dass der auf einem Förderband anrollende z.T. mit Stahl bewehrte Kriegsschutt von den kriegszerstörten Frankfurter Häusern richtig in den Brecher fiel, um zerkleinert zu werden. Nicht ganz ungefährlich, da man gelegentlich in den Brecher steigen musste, um verkeilte Trümmerstücke wieder in den normalen Ablauf zu bringen. Diese gemeinsame Arbeit trug zu einer längeren Freundschaft mit dem Apostaten Franz bei. Um so spannender war für mich, wer alles zum Sommersemester 1964 in Trier erscheinen würde. Es waren dies: Hubert Bonke, Franz Lienen, Günther Mayer, Albert Schrenk, Hajo Stenger, Theo Stüer; also 6 von 13 hatten Gypkens nichts vorgeflunkert. Damals hatte ich immer wieder überlegt, ob der Weg nach Trier eigentlich der Richtige für mich ist. Mangels Alternative habe ich mich dann doch für die alte Römerstadt an der Mosel entschieden. Ich war auch gespannt, was da auf mich zukommen wird. In Trier angekommen traf ich eine große Gruppe, es waren damals wohl noch an die 100, von Jungklerikern. Manchen waren mir noch aus Großkrotzenburg oder gar aus Haigerloch bekannt. Andere waren irgendwie zu den Weißen Vätern gestoßen, um später als Missionar in Afrika zu wirken. Da war auch die Gruppe der Spätberufenen, die sich wohl in Langenfeld auf das Studium vorbereitet hatte. Aber insgesamt recht sympathische Leute. Und die Patres wirkten auch ganz angenehm. Mit dem Superior P. Ilsen, einem Nordrheinwestfalen, war wohl auch ein ganz gutes Auskommen denkbar. Die Tagesordnung war ähnlich wie früher, allerdings begann der Tag bereits um 5.30 Uhr mit Morgengebet, Meditation/Betrachtung und heiliger Messe; es folgten Vorlesungen etc. und ein gerüttelt Maß an Freizeit und Selbstbeschäftigungen.


Das Haus in der Dietrichstraße 30 war höchst interessant. Es handelte sich um ein altes Kloster, das die Weißen Väter vor einigen Jahrzehnten übernommen hatten. Hier hatten sie anfangs auch ihren Hauptsitz für Deutschland eingerichtet, nämlich das Provinzialat. Damals 1964 war es aber nur noch philosophische Hochschule für angehende Weiße Väter. Und alle Lehrer waren auch Weiße Väter. Vermutlich hatte hier im Kloster bis zur Säkularisation ein Reuerinnen- oder Büßerinnenkonvent gelebt. Diese Geschichte hatte uns Seminaristen eigentlich wenig interessiert, aber wir sind unwillkürlich darauf gestoßen. Auch haben wir dem Namen, Maria-Magdalena-Kirche, was auf den Büßerorden hingedeutet hat, wenig Bedeutung zugemessen.

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Abb.: 7 Eine kleine funktionierende Wandorgel habe ich für mein Zimmerchen in Trier gebaut.


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Abb.: 8 Die umgebaute Kapelle; alles Barocke musste einem nüchternen Ansehen weichen.
Anfang der 60-er Jahre machte sich in der Kirche ein gewisser Neuaufbruch breit: Man schloss mit vielem endgültig ab, besonders Barock war geradezu verpönt. Neue Gotteshäuser sollten dem gewandelten Bewusstsein der Menschen angepasst sein: nüchtern, sachlich, pragmatisch, ohne Schnörkel und Brimbraborium. Das Moderne stand über allem. Auch die Weißen Väter als weltoffene Gemeinschaft machten hier gerne mit. Und da war die kleine barocke Magdalena-Kirche störend und unzeitgemäß. Also musste renoviert und umgebaut werden, vermutlich auch mit der Unterstützung der Diözese Trier. Der Barockaltar musste verschwinden, Bänke, Statuen, Schmuck etc. sollten ein zeitgemäßes Bild abgeben. Nicht nur ich sondern viele andere Fratres, wie wir uns damals schon nannten, folgten dieser Linie. Den Umbauarbeiten kam gelegen, dass bei den Weißen Vätern damals zahlreiche Spätberufene studierten, die früher Handwerksberufe, so Schreiner, Maurer, Anstreicher, gelernt hatten und die hier ihr Wissen und ihre Berufserfahrungen einbringen konnten. Was lag also näher, diese und weitere Seminaristen in die Arbeiten einzubeziehen. Auch der Superior P. Ilsen krempelte gerne die Ärmel hoch und packte tatkräftig mit an. Zunächst räumte man die Kirche leer und fing an, das neue Konzept zu realisieren. Da die Kirche die Anbetungskirche von Trier war, war die Diözese gleich mit eingebunden: ein moderner Altar, ein neuer Altarraum mit schwarzen Schiefersteinen, neue über die ganze Breite der Kirche führende Bänke, moderne helle Fenster mit bunten Farbornamenten, passender Fußboden. Bei all diesen Arbeiten stießen die jungen Leute bis unter die Kirche vor. Hier waren noch die alten Keller aus der Büßerklosterzeit und auf Brettern fixiert lagen die Skelette der verstorbenen Nonnen auf den Holzdielen festgenagelt. Diese Entdeckung animierte natürlich etliche Seminaristen, einen Totenkopf auf den eigenen Schreibtisch zu stellen als Memento mori. Da diese dann beim Auszug aus dem Haus in der Regel nicht mitgenommen werden konnten, hat man die alten Knochen den jungen Studierenden weitergegeben. Und so gehört fast in jedes Studierzimmer auch ein solches Gedenkstück.

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Abb.: 9 Die Totenköpfe aus der Kruft landeten bei vielen Seminaristen im Zimmer. Sie wurden oft speziell drapiert;
ob es sich dabei um echte Meditationanregung oder Pietätlosigkeit handelt, sei einmal dahingestellt.

Ein Seminarist war früher Orgelbauer gewesen und konnte nun auf der Empore eine alte irgendwoher geschenkte Orgel einbauen, die noch gute Dienste leistete. Da tagsüber allerdings Aussetzung war, konnten die Orgel nur zu Gottesdiensten oder abends nach dem Verschluss der Kapelle zum Üben benutzt werden. Das Thema Orgel spielte für mich als Hobbyorgelbauer freilich auch eine Rolle. In meiner Heimatgemeinde Frankfurt-Heilig-Kreuz war gerade eine neue Orgel gebaut worden, die alte lag in vielen Einzelteilen in der Unterkirche. Ein französischer Abbé, der in einem Schülerheim als Deutschlehrer in Bouvigny-Boyeffles bei Arras in Nordfrankreich arbeitete, kam im Sommer immer wieder in unsere Pfarrei, um den Pfarrer zu vertreten. Mit diesem hatte ich gute Kontakte und ich bot ihm an, die alte Walcker-Orgel in der Kapelle seines Seminars aufzubauen. So fuhr ich mit 4 weiteren Seminaristen von Trier aus im Frühjahr 1965 nach Nordfrankreich und baute dort die Orgel wieder auf. Dies wurde als Deutsch-Französische Freundschaftstat in einer großen Feierstunde im Sommer 1965 sehr gewürdigt. Zu diesem Festakt hat uns P. Lentzen-Deis von Trier mit dem Auto hingefahren.

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Abb.: 10 Vier Seminaristen aus Trier vor der Kapelle des Seminars:
vlnr. zwei französische Schüler, Hajo Stenger, Hubert Bonke, Günther Mayer, Abbé Brevart, und Werner Wanzura


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Abb.: 11 Schüler mit Orgelpfeifen vor der im Aufbau befindlichen Orgel in der Kapelle


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Abb.: 12 Der Pressebericht über die neue Orgel in Nordfrankreich in der BILDPOST vom 24. Oktober 1965


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Abb.: 13 Wintersemester 1964/65.


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Abb.: 14 Die Belegschaft 1966; deutlich wird die Säkularisierung sichtbar, nur noch wenige Seminaristen tragen einen Kollar.

Auch gab es in den 60-er Jahre einen relativ großen Andrang an Weiße-Väter-Studierende, sodass das alte Kloster erweitert werden musste: Die Gebäude waren ursprünglich hufeisenförmig angeordnet: In der Mitte war an die Rückseite der Kirche ein Quertrakt angebaut und seitlich schlossen sich jeweils Seitentrakte an. Da der linke Seitentrakt kürzer war, bot sich an, beide Seiten gleich lang zu bauen. Auch das war für die Weißen Väter kein Problem, denn für die Brüdernovizen boten dies Baumaßnahmen gute Möglichkeiten sich auf die Bautätigkeiten in den Missionen vorzubereiten. Damals gab es in der deutschen Provinz noch zahlreiche Brüderanwärter, die dann von Langenfeld, später von Hörstel kurzzeitig hierher beordert wurden.

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Abb.: 15 Fastnacht wurde in Trier immer recht fantasievoll und ausgiebig gefeiert.

Im Untergeschoss der alten Klosteranlage waren Hörsäle, Küche, Refektorium, Erholungsräume sowie einige allgemeine Räume wie Sprechzimmer untergebracht. Im ersten Stock befanden sich die Patres- und Gästezimmer. Und im Dachgeschoss waren unter den Dachgauben an die 100 kleine Zimmerchen für die Seminaristen. Als ich 1964 dort ankam, wurde ich in einem Doppelzimmer im Neubautrakt untergebracht zusammen mit einem Mitschüler von Großkrotzenburg. Dieser Mitschüler hatten allerding eine besondere Krankheit, die immer wieder zu permanentem Schweißausbruch führte. Dass das mit erheblicher Geruchsbelästigung verbunden war, versteht sich. Und es war für mich schier unerträglich, an diesem Ort zu leben und zu arbeiten. Mit großer Demut und Geduld habe ich das ein Semester lang ertragen, denn nach dem ersten Semester hat der Kommilitone das Seminar verlassen und sich anderweitig orientiert. „Handarbeit“ war ein unverzichtbarer Tagesordnungspunkt. Und in einem solch großen Haus gab es neben den alltäglichen Aufgaben, wie Kartoffeln schälen, viel zu tun; da wurde gesäubert, repariert, umgebaut u.v.m. Ein großes Tätigkeitsfeld bot die Gartenarbeit. Zwar war grundsätzlich ein Bruder dafür zuständig, aber Seminaristen wurden ihm immer wieder zur Seite gestellt. So war ich auch ein Semester lang „Gartenmeister“ und half beim Säen, Ernten, Umspaten, Rechen, Spritzen. Bei der Arbeitsfülle wurde dann schon öfter die Arbeitszeit auf Kosten des Studiums überschritten.

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Abb.: 16 Die Bücher der Gregoriana stehen heute noch in meinem Bücherregal

Als Hilfsmittel zum Studium dienten die in lateinischer Sprache abgefassten Lehrbücher der PONTIFICIA UNIVERSITAS GREGORIANA in Rom. Für jedes Fach mussten wir ein solches meist dickes Lehrbuch kaufen und am Ende jedes Semesters war eine Fachprüfung vorgesehen. In einigen Fächer durften wir die Klausuren auch in deutscher Sprache abfassen, wobei es aber gern gesehen wurde, die lateinische Sprache zu verwenden. Die einzelnen Kapitel in den Lehrbüchern waren noch wie im Mittelalter scholastisch aufgebaut: Als Beispiel wähle ich aus der CRITICA das erste Kapitel: allgemeine Einführung DE COGNITIONE VERITATIS; erstes Kapitel DE NATURALI COGNITIONE VERITATIS; ARTICULUS PRIMUS De legitimitate exigentiae Criticae; ARTICULUS SECUNDUS De fundamentali veritate experientiae; ARTICULUS TERTIUS De fundamentali veritate universali; ARTICULUS QUARTUS De aptitudine mentis ad veritatem; ARTICULUS QUINTUS De methodo primi problematis critici; ARTICULUS SEXTUS De statu mentis initiali. Über 50 Seiten hatte sich der Verfasser mit der Erkenntnis der Wahrheit beschäftigt; dabei ging es um maior und minor, sowie um opiniones, um Beweise und Widerlegungen, verschiedene Lehrmeinungen und das alles in lateinischer Sprache, die allerdings relativ leicht zu verstehen war, vorausgesetzt man kannte die entsprechenden Vokabeln. Der für die Hauptfächer ausgewählte Lehrmeister war P. Früh. Er war irgendwie ein Meister seines -jeweiligen- Faches; da konnte er sich auch manchmal in Rage steigern und bisweilen wurden nur die lateinischen Texte der Lehrbücher rasend schnell rezitiert. Da war gar keine Zeit für eine kleine Episode oder gar ein Scherz, meist war alles blutig ernst. In den Pausen, auch nachmittags und abends stand Früh dann oft im Kreis seiner Schüler dozierte weiter ohne Punkt und Komma. Am Semesterende wurde dann in jedem Fach eine mehrstündige Klausur geschrieben und man bekam ein Attestat in sein Studienbuch eingetragen. Ich weiß heute nicht mehr, wie ich es geschafft habe, dass ich unter diesen Umständen alle Klausuren bestanden habe, zumal die Anzahl am Semesterende doch nicht ganz gering war. Ich erinnere mich noch schwach an Vorlesungen von P. Lentzen-Deis, P. Fuchs, P. Berens, P. Ilsen, P. Edele, P. Lenfers u.a. Hier war allerdings die lateinische Sprache nicht gefragt, hier konnte man dank der Muttersprache doch ganz gut folgen. Nur in Pädagogik, veranstaltet von P. Edele, musste man ein Lehrbuch in englischer Sprache beschaffen. Die morgendliche halbe Stunde „Betrachtung“ = Meditation konnte ich ganz gut mit der Lektüre von allerlei erbaulicher Literatur bewältigen. Ein Vorfall ist mir in diesem Zusammenhang noch gut in Erinnerung. In Trier erschien auch von Zeit zu Zeit der damalige Provinzial P. Gypkens, um zu sehen, ob die Seminaristen auch im Sinne der Weißen Väter gut erzogen werden. Eigentlich ging es im Haus nicht streng zu. Wir hatten viele Freiheiten, die in den früheren Missionshäusern nicht vorkamen. So konnte man schon mal die halbe Nacht durchstudieren, was allerdings zur Folge hatte, dass man bei der morgendlichen Meditation nicht ganz wach war. Und da saß an jenem Morgen auch ein Frater etwas müde in der Bank und lehnte sich wie allgemein üblich mit dem Rücken an die Bankrückenlehne. Dies war für Gypkens ein geradezu willkommener Anlass, den Übertäter vor versammelter Mannschaft fertig zu machen, ihn zu beschimpfen und ihm die Möglichkeit abzuerkennen, dass er später als Missionar in Afrika wirken könne. Zwar hat er ihn nicht sofort aus dem Seminar rausgeworfen, was eigentlich seiner Art entsprochen hätte, sondern er hat ihn weiter geduldet. Der Betreffende, er war jedenfalls ein hervorragender Sänger, ist dann später kein Weißer Vater geworden. Abgesehen von den Gypkensbesuchen ging es eigentlich recht locker in der Dietrichstraße 30 zu. Man konnte im Gegensatz zu den früheren Missionshäuser ziemlich selbständig agieren. So waren wir oft spät abends noch an einen Brathähnchenstand in der Nähe der Hauptpost gegangen und holten dort für uns ein paar Flattermänner, die dann mit Genuss und Alkohol vertilgt wurden. Dann hatte sich ein besonderes Trio gebildet: Werner Wanzura, Hubert Bonke und ich. Wir hatten uns eine Telefonverbindung zu unseren drei Zimmern gelegt und besuchten öfters auch abends unsere Stammkneipe, das Kulmbacher Eck. Hier waren wir schon bekannt und beliebt. Und die junge Wirtin hat uns ganz gern verwöhnt. Da floss so manches Bier in Strömen und Nächte wurden für uns kurz, aber am nächsten Morgen knieten wir wieder pünktlich und fromm in der Kapelle. Durch unsere Praktika in den Semesterferien hatten wir auch interessante Kommilitoninnen kennengelernt, die im Ortsteil Pfalzel mit ihrer 10 köpfigen Familie wohnten: Mit zwei dieser Mädels in unserem Alter gings dann auch schon mal abends in eine Bar… Trotz alledem sind wir nach 5 Semestern ordnungsgemäß ins Noviziat nach Hörstel gegangen.

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Abb.: 17 Das Schild an der Eingangstür erinnert heute noch an die ehemalige Nutzung des alten Klosters.


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Abb.: 18 Das barocke Eingangsportal zur Kapelle; heute ist das Tor davor versperrt und der Zugang ist von Unkraut über wuchert. Die Fenster sind modern gestaltet, passend zur inneren Umgestaltung. Das Gold des Anstrichs wirkt zu grell und entspricht nicht der barocken Konzeption.





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Abb.: 25 Drei nach vorne gehende Dachgauben; die beiden linken gehören zu einem recht großen Studentenzimmer; ich hatte das Glück, dieses Zimmer für ein Semester bewohnen zu dürfen. Das rechte Fenster gehört zum Treppenabgang. Ganz rechts ist die Turmmauer zu erkennen.



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Abb.: 28 Der neue Eingangsbereich, hier war früher die Küche und der Speisesaal.


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Abb.: 29 Blick in Richtung Kapelle, vorn der Abgang zum Keller der Kirche

Zurückblickend muss ich sagen, dass die Zeit in Trier für mich sehr lehrreich und schön gewesen ist. Ich habe hier viel gelernt und auch persönlich viel erlebt. Die Zeit möchte ich eigentlich nicht missen. Als ich jetzt vor ein paar Tagen kurz nach Pfingsten 2023 in Trier war und mit Ehefrau und Freunden in Schröders Stadtwald-Hotel wohnte, war natürlich der Besuch in der Dietrichstraße ein absolutes Muss. Was ich dort gesehen und erlebt habe, war für mich schockierend, geradezu deprimierend: Die 4 m hohe dicke Mauer schützte das Klostergebiet zur Straße. Dahinter war ein großes Parkplatzgelände zu erkennen. Der Eingang zur Kapelle war fest verschlossen. Zwischen den Platten auf dem Weg von der Mauer zum Gotteshaus wucherte das Gras; an der Wand des Durchgangs hing noch ein leerer Schaukasten, in dem Weiße Väter, Afrikamissionare stand. Das barock gestaltete Eingangsportal an der Straße und an der Kirche war noch jeweils mit einer Statue geschmückt; vorn eine Äbtissin und hinten wohl Maria Magdalena. Das kleine Gittertor an dem alten Eingang war verschlossen und schien auch nicht mehr geöffnet zu werden. Hiervor war eine Klingenplatte mit zwei Schellenknöpfen, auf einem stand Weiße Väter Afrikamissionare, auf dem anderen Seminargemeinschaft. Das große mit Graffitis beschmierte Eisentor daneben war fest verschlossen und ermöglichte keinen Blick ins Innere. Das Äußere der Kapelle der war leuchtend gelb angestrichen. Die Farbe entsprach nicht der in der Barockzeit üblichen Farbgebung. Die Fenster waren mit modernen Ornamenten bunt verglast. Leider war es nicht möglich, das Haus, die Klosteranlage zu besichtigen. Das Ganze gehört heute dem Caritasverband Trier. Und ich konnte niemanden mehr im Haus antreffen, lediglich mit einer Mitarbeiterin, die gerade ihren Dienst beendet hatte, konnte ich kurz sprechen. Sie sagte mir, dass die Kapelle entsakralisiert ist und als Rumpelkammer verwendet wird. Von der früheren Geschichte der Anlage wusste sie nichts. Der Caritasverband hat wohl auch Teile des ehemaligen Weiße-Väter-Geländes verkauft, vor allem den großen Garten; hier stehen jetzt Wohnhäuser. Wenn ich nach so vielen Jahren an eine solche frühere Wirkungsstätte komme, dann strömen viele Gedanken auf mich ein: Was ist aus unseren damaligen Träumen geworden? Was ist aus dem Haus geworden? Was ist aus der damaligen Mentalität geworden? Was ist aus der Kirche geworden, unabhängig von den Weißen Vätern? Was ist aus mir geworden? Ich kann nur sagen: Ich bin sehr froh, dass ich später einen anderen Weg eingeschlagen habe und heute glücklich und sehr zufrieden leben kann. Fast bedauere ich die Weißen Väter, die den Niedergang ihrer Gesellschaft erleben mussten und jetzt irgendwo in einem Altersheim sitzen und auf den Tod warten. Mag sein, dass sie ein gottgefälliges Leben geführt haben und das Christentum in Afrika verbreitet haben. Die Zukunft wird zeigen, ob ihre Mühen und Plagen von dauerhaften Erfolg gekrönt sein werden.

Stadecken, den 05.06.2023

Hajo Stenger