Studium und Freistudium
Alfred Epple
Hajos Bericht über die mittägliche Zeit der Hausaufgaben unter Aufsicht (Studium) hat "mich
getriggert", wie
man heute so schön sagt und mich dazu bewegt, meine eigenen Erinnerungen aufzuschreiben.
Als Zwölfjähriger waren für mich diese Schulbänke mit ihren Deckeln, den alten
Tintenfassvertiefungen und natürlich dem Stauraum enorm interessant und ein wichtiger Teil meines
Territoriums.
Der Stauraum unter dem Deckel war für mich ein wichtiger Bestandteil der Privatsphäre. Hier bewahrte man nicht nur Schulbücher, Hefte Schreibzeug auf, sondern auch private Lektüren, den Komm-Mit-Kalender, Klebstoff, Schere, Fotos auf - alles Dinge, die mir damals sehr wichtig waren.
Ja, auch Süßigkeiten konnte man da leicht verstecken und auch Getränke hatten ihren Platz. Ich kann mich erinnern, dass ich durch die Vertiefung, in der das Tintenfass war, ein Röhrchen steckte und aus dem Getränk, das im Pult versteckt war, trinken konnte. Das war richtig toll. Ich habe mich an meinem Platz richtig wohl gefühlt, zumal ich in der Sexta mit Meinolf einen sehr sympathischen Nebensitzer hatte.
Neben der Unterrichtszeit verbrachten wir vor allem die Zeit des nachmittäglichen Studiums und des Freistudiums an unseren Plätzen. Das Studium begann um 14.30 und dauerte bis 16.00 Uhr, als es Kaffee gab. In der Zeit des Studiums sollten wir die schriftlichen Hausaufgaben machen und Vokabeln lernen, wobei wir von Untertertianern, die sich oft sehr streng gebärdeten, beaufsichtigt wurden. An zwei strenge "Aufsichtspersonen" erinnere ich mich besonders: Bernd Balzereit und Karl Rehm. Die konnten sich damals schon recht gut durchsetzen. Selbstverständlich herrschte während der ganzen Zeit Stillschweigen.
Ich empfand diese Zeit als angenehm, konnte ich doch in aller Ruhe die gestellten Aufgaben in relativ kurzer Zeit bewältigen. Das wäre bei mir zu Hause aufgrund der vielfachen Ablenkungen nicht so leicht gewesen. Was ich nach getaner Arbeit gemacht habe, weiß ich allerdings nicht mehr. Ich denke mir ging es ähnlich wie Hajo: Ich habe wohl auch viel geträumt. Nach Kaffee und Handarbeit ging es um 17.00 Uhr zum Freistudium. Wer fertig war mit der Hausaufgabe konnte die Zeit jetzt je nach Lust und Laune, aber in Silentium verbringen. Da es damals wenig Ablenkung gab, war vor allem Lesen die angesagte Beschäftigung. Ich habe fast alle Karl-May-Bände geradezu verschlungen. Da andere Mitschüler die selben Bücher lasen, konnten wir uns auch über den Inhalt austauschen und waren stolz darauf, viele Namen, Orte etc. zu memorieren. Ich kann heute noch den Namen des Begeleiters des Orientreisenden Kara Ben Nemsi (alias Karl May) aufsagen, damals wusste ich auch den Namen der Büchse Old Shatterhands oder den Namen von Winnetous Pferd u.v.m. Es war, kurz gesagt, eine magische und glückliche Zeit, die unsere Fanasie beflügelte
Bad Saulgau, 27.Oktober 2025
Alfred Epple