Frömmigkeitsformen im Missionshaus Haigerloch
Das Scapulier
Fromm zu sein, galt für uns pubertierende Missionsschüler damals in Haigerloch als
Standardhaltung. Die Wurzeln dieser Haltung waren aber schon lange vor dem Aufenthalt im
Missionshaus gelegt worden: im Elternhaus, in der Grundschule, in der heimatlichen
Kirchengemeinde. Mit dieser Vorprägung kamen wir dann in das Eyachdörfchen und sollten
hier auch in puncto Frömmigkeit wachsen und gedeihen. Dazu gab es eine Vielzahl von
Hilfen, so die tägliche Heilige Messe wie auch die Vielzahl von zu verrichtenden Gebeten.
Dann gab es da noch so einiges, was nicht gerade alltäglich war: Missionsliga und
Bruderschaften.
Die große Zeit der Bruderschaften in der Kirche ging eigentlich im 19. Jahrhundert zu Ende,
wenngleich es bis zum heutigen Tag noch solche Vereinigungen gibt. Ich denke da
beispielsweise an die Rochusbruderschaft, die bis in unsere Tage auf dem Rochusberg bei
Bingen existiert und die auch in speziellen Gewändern bei Prozessionen oder sonstigen
kirchlichen Veranstaltungen in Erscheinung tritt. Ähnlich wie die Bruderschaften sind auch
die sog. „Dritten Orden“, eine Vereinigung von Menschen, die als Normalbürger zwar leben,
aber in ihrem Leben gewisse Frömmigkeitsübungen im Geiste eines bestimmten Ordens
praktizieren.
Von dieser besonderen Frömmigkeit habe ich ein kleines Stück in Haigerloch erlebt. Als ich
die erste Zeit im Missionshaus war, merkte ich, dass manche Mitschüler abends im Schlafsaal
so ein merkwürdiges „Umhängsel“ hatten: zwei kleine ca. 53 x 35 mm große rote
Filzläppchen, die mit zwei roten Bändern miteinander verbunden waren; das eine Läppchen
wurde auf der Brust getragen und das andere auf dem Rücken, die beiden Bändchen lagen
dabei auf den Schultern.
Bemerkenswert waren die beiden Filzläppchen. Das eine zeigt auf der Vorderseite ein Bild
mit Jesus am Kreuz; dazu die Auf- bzw. Umschrift in deutscher, lateinischer, englischer und
französischer Sprache: „Heiliges Leiden unseres Herrn Jesus Christus erlöse uns.“ Hinter der
Vorderseite waren drei kleine Filzläppchen in schwarz, braun, blau eingenäht und schließlich
kam als Abschluss ein etwas größerer Filz mit einem aufgenähten Kreuz.
Dieses Skapulier musste dem Träger von einem Priester gesegnet umgelegt werden, dann war
man des Schutzes Mariens (besonders in der Todesstunde) sicher. Wer mit einem solchen
Skapulier bekleidet stirbt, muss keine Höllenqualen erleiden, so der damalige Volksglaube. –
Nun sehen wir heute, nach dem Vaticanum II solche Frömmigkeitsformen etwas nüchterner.
Aber damals spielten sie in Haigerloch noch eine nicht unbedeutende Rolle. Nicht alle
Missionsknaben haben dieses Zeichen getragen, aber ich erinnere mich noch an zahlreiche,
die ein Skapulier verwendet haben. Auch kann ich mich nicht mehr an die feierliche
Auflegung des Skapuliers erinnern. Ich glaube, es war damals so, dass man sich in eine Liste
eintragen musste und dann bekam man nach einiger Zeit die beiden Läppchen mit den
Schulterbändeln. Im Lauf der Jahre, meist schon nach dem Verlassen von Haigerloch, verlor
das Skapulier bei nahezu allen Missionsschülern an Bedeutung und es wurde in der Regel
auch nicht mehr getragen. Die meisten haben es wohl entsorgt, ich habe es aufgehoben als ein kleines
Stück meiner Lebensgeschichte.
Hajo Stenger
