Die Klepfer

Webseite ehemaliger Schüler der Weißen Väter und ihrer Weggefährten

Zwei Ruanda-Missionare und das Missionshaus Haigerloch
zu Beginn des 20. Jahrhunderts

von Wolfgang Völker, Hans-Ulrich Duwendag

Für die Provinz Deutschland – Provinz meint hier ein nationales Verwaltungsgebiet – gab das Missionshaus der katholischen Afrikamissionare (Weißen Väter) in Trier seit 1894 den „Afrika-Bote“ heraus. Dieser berichtete in seiner Ausgabe von 1903/04 (Jahrg. 10) unter der Überschrift „Das Missionshaus zum hl. Franz Xaver in Haigerloch (Hohenzollern)“, dass Patres und Zöglinge nach viel Mühe und Arbeit das neue Missionshaus in Süddeutschland bezogen hätten. Der würzige Tannenduft der vielen Wälder der Schwarzwaldhochebene mache das Klima erfrischend und belebend, was den „Zöglingen von großem Vorteile für ihre Gesundheit“ wäre, und ihnen die Kraft gäbe, „die sie später im Dienste unseres Heilands im fernen Afrika verwenden“ sollen. Dieser fromme Wunsch galt den Schülern des Hauses bei der Vorbereitung auf den „Knochenjob“ ihres Lebens. Auf viele von ihnen wartete, dann in anderen deutschen Missionshäusern, nach Noviziat, Theologiestudium oder Handwerkerlehre zu Beginn des 20. Jahrhunderts der unbekannte und kaum erschlossene Kontinent Afrika.

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Abb. 1: Der Afrikamissionar Pater Dr. Peter Schumacher vor seiner zweiten Ausreise nach Ruanda am 26. Januar 1924. Zunächst wirkte er dort an den Missionsstationen in Save (Issavi) und Nyundo. Von 1926 bis 1936 unternahm er Feldforschungen über die Kiwu-Pygmäen, die ihn in Fachkreisen berühmt machten. Über den deutschen Pater Schumacher erfährt der Leser mehr in dem jüngst erschienenen Buch der deutschen Provinz der Weißen Väter zum 150jährigen Bestehen ihrer Gesellschaft (Eberle, J. und A. Schmidt (Hrsg.): Geburtsstunden, Parzellers, 2018). (Arch. W.V. Köln)
Als Mitglieder der Gesellschaft der Afrikamissionare (Pères Blancs) erhielten sie den Auftrag, als Priester oder Laienbruder in die Weiten Afrikas ziehen, um die christlich-katholische Lehre zu verbreiten. Ihre „Markenzeichen“ waren das weiße Gewand, die sogenannte Gandura, und die Rosenkranz-Halskette. Ihre Arbeitsgebiete lagen in Nordafrika und Zentralafrika. Ihr Ziel war die Christianisierung der indigenen Bevölkerung; ihre weithin sichtbaren Leistungen waren Ziegelbauten für Kirchen und Missionstationen, ihre Probleme Tropenkrankheiten, gewaltsame Konflikte und die Verstrickung mit dem Machtapparat der jeweiligen Kolonialmacht. Das ordensinterne, nicht öffentliche Kommunikationsmedium mit detaillierten Quartalsberichten über die Lage in den Missionshäusern und Missionsstationen der „Société des Missionaires D’Afrique“ waren die in französischer Sprache erstellten Tagebücher, die sogenannten „Chronique Trimestrielle“ (CT) und später - in Form von Jahresberichten - die „Rapports Annuel“ (RA). Die Grundsteinlegung des Missionshauses von Haigerloch im Jahr 1903 wird erstmals im Band 103 (Februar 1904) der CT gewürdigt. Der darauf bezugnehmende Artikel enthält eine feierliche Rede zu dem Ereignis, welche hier als Auszug in deutscher Übersetzung wiedergegeben ist. Vermutlich sind es die Worte des Gründers der Missionsschule, des Paters Josef Froberger: „Dank des Wohlwollens der Berliner Regierung wurde unsere Gesellschaft ermächtigt, im kleinen, aber charmanten Fürstentum Hohenzollern ein neues Haus zu gründen. Wir freuen uns, unseren lieben Mitbrüdern, insbesondere den Missionaren in Äquatorialafrika, sagen zu können, dass diese Gunst den guten Beziehungen zu den Behörden zu verdanken ist. Wir wurden von Berlin in der Tat gut über die von unseren Missionaren im deutschen Afrika geleisteten Dienste für die Regierung beurteilt, und man war daher so freundlich, uns den Vorzug zu geben, gerade in dem Moment, in welchem eine andere Gesellschaft die Gunst der Gründung hier forderte.“ Die Gründung der Schule (École apostolique) für die unteren Gymnasialklassen war also auch ein politischer Akt, verbunden mit einer großen Erwartungshaltung von Seiten der Reichsregierung und vor allem des Reichskolonialamts. Vorausgegangen beim Thema „Errichtung von deutschen Missionsschulen“ waren Überlegungen der deutschen Regierung, dass für die Missionen in den „deutschen Schutzgebieten“ vor allem deutsche und in Deutschland ausgebildete Missionare notwendig seien. Die Missionare, die bis zur Jahrhundertwende in den „deutschen Schutzgebieten“ in Afrika im Einsatz waren, waren bis dahin nämlich nur zu einem geringen Teil Deutsche. Obwohl das Haus noch nicht fertig war, kamen bereits im Oktober 1903 die ersten 43 Schüler dort an. Am 20. Juni 1904 fand dann die Einweihung der Klosterschule an der Annahalde statt. Weitere Baumaßnahmen folgten, z. B. die Terrassierung des Geländes und die Anlage eines Wirtschaftsbetriebs mit Gärten und Schweinehaltung.

Lehrer der Ersten Stunde in Haigerloch und Forscher in Ruanda

Für das vierte Quartal 1904 meldeten die CT Nr. 114 (Ausgabe März 1905) schon 59 Schüler. Der darauf folgende Bericht in den Tagebüchern über die Fortschritte des Missionshauses Haigerloch stammt laut Unterschrift von P. P. Chumacher. Bei dieser Person handelt es sich um den in der Eifel geborenen Peter Schumacher (*1878 - †1957), der als einer der ersten Lehrer in Haigerloch tätig war und welcher danach viele Jahre im fernen Ruanda wirkte und als Ethnologe von sich Reden machen sollte. Seine politische Sicht als Weißer Vater lautete: „Unsere Zusammenarbeit mit der Administration unter der Reichsflagge, die unsere Fassade schmückt, formt die patriotische Welt der Weißen Väter.“ (CT Nr. 118, Ausgabe April 1905). Er folgte dem Ruf des Apostolischen Vikars Jean-Joseph Hirth und begab sich 1907 nach Deutsch-Ostafrika in das Reich von Sultan Musinga im fernen Ruanda. Dort in Kabgayi wirkte Pater Schumacher als Pfarrer, Dogmatiklehrer, Ethnologe und Linguist. Er hat nicht nur bei den widerstrebenden Batutsis eine Bekehrungswelle ausgelöst, zusammen mit Pater Max Donders ein organisiertes Laienapostolat unter der Bezeichnung „Katholische Aktion“ in die Hände Einheimischer übertragen und das „Dictionnaire Phonétique“ verfasst, um das Kinyarwanda auf eine lateinisch basierte Basis zu stellen, sondern seltene Einblicke hinterlassen in die Welt des Pygmäenvolks der Batwa. Mehr zu seiner Person erfährt der Leser im Fachbuch der Autoren: „Von Missionaren, Herrschern und Forschern“ (Cuvillier Verlag, Göttingen, 2018).

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Abb.: 2 Der Laienbruder Privatus (Jakob Brauchle) mit großem Kochlöffel in der Küche des Missionshauses Haigerloch um 1922

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Abb.: 3 Br. Privatus zusammen mit seinem Mitbruder Pater Walter Vogt in Gakoma/Ruanda 1968
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Abb.: 3 Br. Bruder Privatus verstarb am 12. Juli 1972 in Haigerloch und wurde dort in der Grabstätte der Weißen Väter bestattet (Arch. W.V. Köln, W. Völker)


Der Koch von Haigerloch als Kirchenbaumeister von Ruanda

Die Weißen Väter brauchten beides, kluge Köpfe wie Pater Dr. Peter Schumacher und geniale Handwerker wie Bruder Privatus (Jakob Brauchle). Letzterer hat von 1920 bis 1926 in den Missionshäusern in Haigerloch und Linz für das Wohlbefinden der Schüler und Patres gesorgt, sowohl als Koch als auch als Handwerker. Diese Zeit war jedoch nur eine Episode in seinem abwechslungsreichen Missionsleben. Sein Schicksal ist ebenso wie das von Pater Schumacher auf das Engste mit Ruanda verbunden. Mit 18 Jahren geht er 1905 zu den Weißen Vätern nach Marienthal (Luxemburg). Als Novize, von 1906 bis 1908 im Mutterhaus Maison Carée (Algerien), begegnete ihm der zweite Generalobere der Weißen Väter Erzbischof Léon Livinhac, einer der ersten Afrikamissionare in Zentralafrika. Als Bruder Privatus wurde er Anfang 1914 in den Norden von Ruanda ernannt. Dort sollte er mit zwei Mitbrüdern in Rambura in der Unruheprovinz Bushiru nach seiner Ankunft im Juli des Jahres eine Missionsstation gründen und aufbauen. Wenige Wochen später brach jedoch der Erste Weltkrieg aus. Privatus wurde im August eingezogen und diente fortan bis zu seiner Gefangennahme im November 1917 in der Kaiserlichen Schutztruppe. Erst 1926 erhielt er wieder eine Ernennung für Ruanda nach Mibirizi, wo er nach Plänen seiner Oberen 1930 seine erste Kirche errichtete. Es folgten die Kirchenbauten in Zaza (1931), Rwamagana (1932), Butare (1934) und Kigali (1936) sowie zahlreiche Missionsgebäude in verschiedenen Landesteilen. Halb erblindet und schwer erkrankt musste Bruder Privatus im September 1970 Ruanda verlassen und kehrte nach Deutschland zurück.

Der Autor H.-U. Duwendag,welcher damals an der deutschen Botschaft in Kigali tätig war, erinnert sich noch genau an Bruder Privatus:
„Da ich ihm freundschaftlich sehr verbunden war, kümmerte ich mich natürlich um ihn und half ihm bei der Ausreise. Ich erinnere mich noch heute: Der Bruder war schon jahrelang nicht mehr in Deutschland gewesen und sein Reisepass war abgelaufen, also ungültig. Spät abends vor dem Abflugtag fuhr ich noch in die Botschaft und stellte ihm einen neuen Pass aus. Am anderen Morgen trug ich ihn die Gangway hoch in das Flugzeug der belgischen Linie Sabena. In Begleitung einer Krankenschwester kehrte er dann nach Deutschland zurück.“
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Abb.: 5 Br. Der Schweizer Professor und Weiße Vater André Perraudin als Rektor des Priesterseminars von Nyakibanda/Ruanda (links mit dunklem Anzug) feiert mit dem Bauleiter Bruder Privatus und mit anderen Mitbrüdern 1952 die Fertigstellung des Hauptgebäudes des Priesterseminars.
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Abb.: 6 Bruder Privatus mit Familienangehörigen 1971 in der Eingangshalle des Missionshauses von Haigerloch. (Arch. WV Köln)

Bruder Privatus starb am 12. Juli 1972 in Haigerloch im Alter von 85 Jahren. Der schweizer Erzbischof André Perraudin würdigte ihn mit den Worten:
Als er Rwanda verließ, gehörte Bruder Privat nicht zu unserer Diözese, aber er gehörte Rwanda. Er war ein Pionier und ein unermüdlicher Missionar und bis zum Letzten aufopferungsbereit. Als großer Missionar war er durch seine Arbeit als Baumeister und Ausbilder tüchtiger Arbeiter, aber auch durch seine Frömmigkeit und sein gutes Beispiel geschätzt. […] Möchte Deutschland uns noch viele Missionare geben vom Schlag des Bruder Privat. (gez.) A. Perraudin, Erzbischof von Kabgayi“ (Übersetzung aus dem Mitteilungsblatt der Erzdiözese Kabgayi „Trait d’union“, Nr. 118, S. 105-106, September 1972).
Mehr zur Person des Bruder Privatus erfährt der Leser im Fachbuch der Autoren: „Ruanda und die Deutschen“ (LIT-Verlag, Münster, 2017). Danksagung: Für die Überlassung von Bild- und Archivmaterial danken die Autoren den Weißen Vätern in Hechingen und Köln.