Zwei Ruanda-Missionare und das Missionshaus Haigerloch
zu Beginn des 20. Jahrhunderts
von Wolfgang Völker, Hans-Ulrich Duwendag
Für die Provinz Deutschland – Provinz meint hier ein nationales
Verwaltungsgebiet – gab das Missionshaus der katholischen
Afrikamissionare (Weißen Väter) in Trier seit 1894 den „Afrika-Bote“
heraus. Dieser berichtete in seiner Ausgabe von 1903/04 (Jahrg. 10)
unter der Überschrift „Das Missionshaus zum hl. Franz Xaver in
Haigerloch (Hohenzollern)“, dass Patres und Zöglinge nach viel Mühe
und Arbeit das neue Missionshaus in Süddeutschland bezogen hätten.
Der würzige Tannenduft der vielen Wälder der Schwarzwaldhochebene
mache das Klima erfrischend und belebend, was den „Zöglingen von
großem Vorteile für ihre Gesundheit“ wäre, und ihnen die Kraft gäbe, „die
sie später im Dienste unseres Heilands im fernen Afrika verwenden“
sollen. Dieser fromme Wunsch galt den Schülern des Hauses bei der
Vorbereitung auf den „Knochenjob“ ihres Lebens. Auf viele von ihnen
wartete, dann in anderen deutschen Missionshäusern, nach Noviziat,
Theologiestudium oder Handwerkerlehre zu Beginn des 20.
Jahrhunderts der unbekannte und kaum erschlossene Kontinent Afrika.
Lehrer der Ersten Stunde in Haigerloch und Forscher in Ruanda
Für das vierte Quartal 1904 meldeten die CT Nr. 114 (Ausgabe März 1905) schon 59 Schüler. Der darauf folgende Bericht in den Tagebüchern über die Fortschritte des Missionshauses Haigerloch stammt laut Unterschrift von P. P. Chumacher. Bei dieser Person handelt es sich um den in der Eifel geborenen Peter Schumacher (*1878 - †1957), der als einer der ersten Lehrer in Haigerloch tätig war und welcher danach viele Jahre im fernen Ruanda wirkte und als Ethnologe von sich Reden machen sollte. Seine politische Sicht als Weißer Vater lautete: „Unsere Zusammenarbeit mit der Administration unter der Reichsflagge, die unsere Fassade schmückt, formt die patriotische Welt der Weißen Väter.“ (CT Nr. 118, Ausgabe April 1905). Er folgte dem Ruf des Apostolischen Vikars Jean-Joseph Hirth und begab sich 1907 nach Deutsch-Ostafrika in das Reich von Sultan Musinga im fernen Ruanda. Dort in Kabgayi wirkte Pater Schumacher als Pfarrer, Dogmatiklehrer, Ethnologe und Linguist. Er hat nicht nur bei den widerstrebenden Batutsis eine Bekehrungswelle ausgelöst, zusammen mit Pater Max Donders ein organisiertes Laienapostolat unter der Bezeichnung „Katholische Aktion“ in die Hände Einheimischer übertragen und das „Dictionnaire Phonétique“ verfasst, um das Kinyarwanda auf eine lateinisch basierte Basis zu stellen, sondern seltene Einblicke hinterlassen in die Welt des Pygmäenvolks der Batwa. Mehr zu seiner Person erfährt der Leser im Fachbuch der Autoren: „Von Missionaren, Herrschern und Forschern“ (Cuvillier Verlag, Göttingen, 2018).
Der Koch von Haigerloch als Kirchenbaumeister von Ruanda
Die Weißen Väter brauchten beides, kluge Köpfe wie Pater Dr. Peter Schumacher und geniale Handwerker wie Bruder Privatus (Jakob Brauchle). Letzterer hat von 1920 bis 1926 in den Missionshäusern in Haigerloch und Linz für das Wohlbefinden der Schüler und Patres gesorgt, sowohl als Koch als auch als Handwerker. Diese Zeit war jedoch nur eine Episode in seinem abwechslungsreichen Missionsleben. Sein Schicksal ist ebenso wie das von Pater Schumacher auf das Engste mit Ruanda verbunden. Mit 18 Jahren geht er 1905 zu den Weißen Vätern nach Marienthal (Luxemburg). Als Novize, von 1906 bis 1908 im Mutterhaus Maison Carée (Algerien), begegnete ihm der zweite Generalobere der Weißen Väter Erzbischof Léon Livinhac, einer der ersten Afrikamissionare in Zentralafrika. Als Bruder Privatus wurde er Anfang 1914 in den Norden von Ruanda ernannt. Dort sollte er mit zwei Mitbrüdern in Rambura in der Unruheprovinz Bushiru nach seiner Ankunft im Juli des Jahres eine Missionsstation gründen und aufbauen. Wenige Wochen später brach jedoch der Erste Weltkrieg aus. Privatus wurde im August eingezogen und diente fortan bis zu seiner Gefangennahme im November 1917 in der Kaiserlichen Schutztruppe. Erst 1926 erhielt er wieder eine Ernennung für Ruanda nach Mibirizi, wo er nach Plänen seiner Oberen 1930 seine erste Kirche errichtete. Es folgten die Kirchenbauten in Zaza (1931), Rwamagana (1932), Butare (1934) und Kigali (1936) sowie zahlreiche Missionsgebäude in verschiedenen Landesteilen. Halb erblindet und schwer erkrankt musste Bruder Privatus im September 1970 Ruanda verlassen und kehrte nach Deutschland zurück.Der Autor H.-U. Duwendag,welcher damals an der deutschen Botschaft in Kigali tätig war, erinnert sich noch genau an Bruder Privatus:
„Da ich ihm freundschaftlich sehr verbunden war, kümmerte ich mich natürlich um ihn und half ihm bei der Ausreise. Ich erinnere mich noch heute: Der Bruder war schon jahrelang nicht mehr in Deutschland gewesen und sein Reisepass war abgelaufen, also ungültig. Spät abends vor dem Abflugtag fuhr ich noch in die Botschaft und stellte ihm einen neuen Pass aus. Am anderen Morgen trug ich ihn die Gangway hoch in das Flugzeug der belgischen Linie Sabena. In Begleitung einer Krankenschwester kehrte er dann nach Deutschland zurück.“
Bruder Privatus starb am 12. Juli 1972 in Haigerloch im Alter von 85 Jahren. Der schweizer Erzbischof André Perraudin würdigte ihn mit den Worten:
Als er Rwanda verließ, gehörte Bruder Privat nicht zu unserer Diözese, aber er gehörte Rwanda. Er war ein Pionier und ein unermüdlicher Missionar und bis zum Letzten aufopferungsbereit. Als großer Missionar war er durch seine Arbeit als Baumeister und Ausbilder tüchtiger Arbeiter, aber auch durch seine Frömmigkeit und sein gutes Beispiel geschätzt. […] Möchte Deutschland uns noch viele Missionare geben vom Schlag des Bruder Privat. (gez.) A. Perraudin, Erzbischof von Kabgayi“ (Übersetzung aus dem Mitteilungsblatt der Erzdiözese Kabgayi „Trait d’union“, Nr. 118, S. 105-106, September 1972).Mehr zur Person des Bruder Privatus erfährt der Leser im Fachbuch der Autoren: „Ruanda und die Deutschen“ (LIT-Verlag, Münster, 2017). Danksagung: Für die Überlassung von Bild- und Archivmaterial danken die Autoren den Weißen Vätern in Hechingen und Köln.