Die Klepfer

Webseite ehemaliger Schüler der Weißen Väter und ihrer Weggefährten


Die Nabelschnur zur Heimat: das Paket

von Dr. Hajo Stenger

Wir saßen am Weihnachtsabend in gemütlicher Runde zusammen: die Großfamilie mit Enkeln. Und wie das so geht, man schwätzt über dies und das. Und plötzlich sagt meine Frau zu mir: Da unten im Keller ist ja noch die alte Eisenbahn, die könntest Du ja für deine Enkel mal aufbauen. Und in der Tat im Keller stand ein ziemlich abgenutzter alter Pappkarton, den ich nun auskramte. Darinnen war zwar die alte Fleischmann-Eisenbahn, Spur 0, die ich 1950 zu Weihnachten geschenkt bekommen hatte, aber es war der alte Pappkarton, der mein besonderes Interesse weckte. Und nicht nur das, plötzlich gingen meine Gedanken mehr als 60 Jahre zurück.

Abb. 1 Das alte Fewa-Paket mit Kreppband umwickelt; FEWA steht wohl für Feinwaesche.

Auf dem 48 x 32 x 17 cm großen Karton stand in dicker, blauer Schrift FEWA, die feine Wäsche, 50 Normalpakete, FEWA-Werk Düsseldorf. Es handelte sich wohl um einen Karton aus den 1950-er Jahren, in dem Waschpulver an die Einzelhändler, Tante-Emma-Läden, ausgeliefert worden war. Auch dies steht wohl nicht in einem besonderen Zusammenhang mit den Klepfern. Aber dann erkannte ich auf der Oberseite einige Aufkleber. Es waren zwei der damals üblichen Post-Aufkleber für die Pakete mit Absender (oben) und Empfänger unten. Empfänger waren mein Vater bzw. meine Eltern in der Ketteleralle 51, Frankfurt a.M. und Absender war ich damals: H.Jo.Stenger, Haigerloch Hohenz. Missionshaus der W.V. Für den Absender konnte ich einen Stempelkasten verwenden, den ich wohl 1957 mit ins Missionshaus gebracht hatte. Außerdem sieht man noch zwei alte Postnummernaufkleber: 072 Niederschopfheim über Offenburg/Baden in schwarz ist durchgestrichen und in hellem braunrot 947 Haigerloch. Dass ein solcher Fund nicht spurlos an einem alten Klepfer vorbeigeht, versteht sich.


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Abb. 2: Alte Aufkleber auf der Oberseite des Paketes.
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Abb. : Oberseite des Pakets

Ja, wie war das noch damals im Eyachtal? Regelmäßig wurde von den Missionsschülern die schmutzige Wäsche nach Hause geschickt, um sie dann ein paar Tage bzw. Wochen später wieder frisch gewaschen zurückzubekommen. Mit der Hygiene musste man es halten wie damals üblich: Etwa pro Woche gab es einmal neue (Unter)Wäsche. Da gab es nur bestimmte Zeiten, an denen man auf den Schlafsaal durfte, um das Paket zu packen. Hierzu holte man vom Speicher einen Karton; dort gab es eine bestimmte Stelle, wo solche Altkartons abgestellt waren. Im oben beschriebenen Fall dürfte es sich um eine Pappkiste von Mitschüler Otto Martin gehandelt haben, denn dessen Heimat war Oberschopfheim in der Nähe von Offenburg. Man packte nun alle Schmutzwäsche in den Karton und verschnürte das Paket. Dann wurde es an einen bestimmten Platz unten in der Nähe des Eingangs deponiert und schließlich brachten es die beiden Postboten in der Handarbeitszeit zum Postamt nach Haigerloch. Das Ämtchen „Postbote“ war sehr beliebt, denn man hatte die Möglichkeit, jeden Werktag einmal nach „draußen“ zu kommen. Auch war es denkbar, u.U. einen Brief nach draußen in den Briefkasten zu schmuggeln, denn normalerweise musste die Post, jeder Brief, jede Postkarte etc. geöffnet in den Briefkasten vor dem Zimmer des Superiors eingeworfen werden. Damit die Knäblein nichts „Falsches“ schreiben, kontrollierte der Superior die Schülerelaborate. Und dann konnte es vorkommen, dass ein Schüler zum Superior musste und sich bezüglich des Inhaltes zu verantworten hatte. Die Pöstchen wurden meines Wissens halbjährlich vergeben und nur zuverlässige Schüler bekamen solche wichtigen Aufgaben. Andere Pöstchen oder Ämter waren beispielsweise Glöckner, Sakristan, Kohleträger. Das Gros der Schüler war mit Kartoffelschälen beschäftigt und das war, soweit ich mich erinnere, meist unter Silentium auszuführen und schon allein deswegen nicht sehr beliebt und ausgesprochen langweilig. Allenfalls, wenn einer mal eine geschälte Kartoffel in den großen Topf feuerte, dass das Wasser nur so spritze, gab es etwas Abwechselung. Dieser kleine Spaß musste der Kartoffelmeister dann dadurch verhindert, dass er nicht zu viel Wasser in den Topf füllte. Die von den Postboten mitgebrachten Pakete und Päckchen wurden dann in einem verschlossenen Raum deponiert und zu einem bestimmten Zeitpunkt auf den Gang gestellt, damit die Knäblein das Ihrige abholen konnten. Der Inhalt wurde dann schnell in den Schrank gepackt. Waren Fressalien in der Sendung, mussten diese in den Speisesaal gebracht werden und sollten an die Tischgruppe verteilt werden. Der Erhalt eines Paketes war im Missionshaus geradezu ein freudiges Ereignis: Erstens brachte es Abwechselung in das Monoton des Tagesablaufs und zweitens war es ein handfestes, sichtbares Verbindungsstück zur Heimat. Auch der Versand des Paketes war früher noch gut für „arme Missionsschüler“ zu bewerkstelligen, denn man konnte diese „unfrei“ verschicken, d.h. der Empfänger hatte beim Erhalt das Porto zu zahlen. Es ist doch erstaunlich, immer mal wieder taucht ein Fundstück mit Erinnerungswert auf und das, obwohl ich inzwischen fast zehnmal umgezogen bin. Ja, ganz klar, man kann seine Vergangenheit nicht auslöschen, denn immer wieder blitzt da plötzlich etwas auf, was bemerkenswert ist und was wie ein Komet einen Schweif Erinnerungen nach sich zieht.

Stadecken, den 29.12.2019 Hajo Stenger