Es werde Licht …
Raimund Pousset
Bergsteiger, die nach großer Anstrengung einen hohen Gipfel erklommen haben und das Land unter sich
zu Füßen liegen sehen, sprechen oft von einem Gipfelrausch, wenn sie erleben, dass die äußere Pracht
der Welt ein Spiegel der inneren Größe des Menschen ist. Reinhold Messner spitzt dies zu zu einem
Gefühl auf einen fast halluzinogenen Zustand der Allmacht bei gleichzeitiger totaler Nichtigkeit.
Kommt ein Sonnenaufgang am Gipfel hinzu, beschreiben viele Bergsteiger genau diesen Moment – wenn
das erste Licht die Welt unter ihnen „erschafft“ – als den Moment, in dem sie sich der biblischen
Schöpfung am nächsten fühlen. Wenn wir uns Gott mit Gefühlen vorstellen, was muss dann das für ihn
ein Gefühl gewesen sein, als mit dem Licht in Genesis 1:1,3 die Schöpfung begann?
Alpinisten mögen bei Sonnenaufgang von dem göttlichen Glücksgefühl ein wenig abbekommen. So erging
es mir jedenfalls, als ich 1987, nach stundenlangem Aufstieg durch die Nacht, vom Lenana-Gipfel des
Mount Kenya (fast 5000 Meter) die rote Sonne in den lebendigen Morgen steigen sah, während mein Atem
durch die Lungen pfiff. Ein heiliges, göttliches Gefühl, groß und winzig, im Schwebezustand.
Es dürfte nicht allzu viele Situationen im Leben geben, wo wir ähnliche Gefühle erleben dürfen.
Vielleicht bei der Geburt eines Kindes, einem unbeschreiblichen Schöpfungsakt? Meinolf und mir war
es beschieden, gemeisam einen göttlichen Gipfelrausch in Kenia zu erleben. Unvergessen, einmalig,
eindrücklich. Wir mussten dafür allerdings keinen Gipfel erklimmen (das haben wir gemeinsam 2002
mindestens bis 4000 Meter am Mount Kenya versucht) und auch keinen Sonnenaufgang abwarten. Nur
Schweiß rann in Strömen. Die ganze Aktion war zunächst auch nur technischer Natur.
Meinolf und Gabi hatten mich Ostern 1987 während meines Sabbaticals besucht. Für den Besuch auf der
Farm von Bischof +Philip hatte mich Meinolf nach einem geeigneten Mitbringsel gefragt. Auf der Farm
gab es nur Regenwasser und Kerosinlampen, Kerzen und Taschenlampen. Das Land der Farm war bis 1979,
als es +Philip mit Bruder Cassianus und Schwägerin Rebecca besiedelt hatten, Millionen von Jahren
brach gelegen. In mühsamem Prozess war es von ihnen über Monate urbar gemacht worden.
Auch wenn die Transafricana von Mombasa nach Lagos 500 Meter an der Farm vorbeilief und der kleine
Bahnhof der Schmalspurbahn nach Uganda nahe lag, gab’s nirgendwo im Umkreis von 50 Kilometern einen
Zugang zum Stromnetz. Die Bahn fuhr Diesel, genau wie die Perlenschnur der Überland-Trucks auf der
Transafricana. Zu der Zeit hatten nur 9% der kenianischen Haushalte Strom mit häufigen Ausfällen und
das Brummen der Diesel-Generatoren lag dann in der Nähe von Krankenhäusern, Hotels und bedeutenden
Gebäuden geruchsschwer in der Luft. +Philip im Bishofshaus verfügte auch über einen Generator, der
auch gleich den Konvent der Schwestern mitversorgte.
Er stand im Garten der Bishop’s residence neben dem großen 20‘-Container, den unser Vater vor
einiger Zeit mit Kleidern und Schuhen aus Deutschland geschickt hatte. Der Generator ist
verschwunden, den Container kann man heute noch auf Google maps aus der Luft sehen. Unser Vater
hatte viele Jahre das Kleiderlager der katholischen „Neuen Bildpost“ verwaltet und konnte so überall
auf der Welt Hilfe leisten, ob zu seinem Priester-Freund nach Brasilien oder zur Solidarnosc nach
Polen.
Dafür, dass die Farm keinen Netzstrom hatte, konnten wir in den klaren, rabenschwarzen Nächten des
Hochlands (das die berühmten kenianischen Läufer hervorbrachten) das seltene Himmelsschauspiel
erleben, den großen Wagen und das Kreuz des Südens gleichzeitig hell am Firmament leuchten zu sehen.
Wie leicht konnten wir auch einen der Myriaden von Sternen am Himmel abpflücken. Wenn er bloß danach
nicht seine Leuchtkraft verloren hätte! Wir brauchten also einen Stern der dauerhaft leuchtete.
Im modernen Sarit-Center in Nairobi, die erste Mall Kenias, verkauften sie solche Sterne. Ich hatte
mich schon bei einem Inder, einem sympathischen jungen Brahmanen, danach erkundigt, war aber noch
etwas von den horrenden Preisen für photovoltaische Solarpanele abgeschreckt gewesen. Nicht so
Meinolf! Das war das richtige Mitbringsel für die Farm.
Auch wenn der Lehrer und der Personalchef von Technik so wenig Ahnung hatten, wie ein Ochse vom
Barbecue, machten wir uns doch frohgemut ans Werk. Immerhin verfügten wir über das basale Wissen
einiger Kultur-Techniken, als da wären: diverse Schraubenzieher, Bohrer, Hammer, Zangen,
Lüsterklemmen, Schere, Kabel, Glühbirnen mit Fassungen, Silikon, Lichtschalter, Schrauben,
Kabelbinder und -klemmen, Klebeband und Verbandszeug. Nichts davon, jedenfalls nichts Brauchbares,
war nämlich auf der Farm zu finden.
Für die solartechnischen Eleven gähnte neben dem handwerklichen Basal-Wissen leider noch ein Loch so
groß wie die schwarzafrikanische Nacht. Das ließ sich hard- und softwaremäßig nur mit Hilfe meines
Inders stopfen. Er durfte uns nicht nur ein 10-Watt-Panel (Ich habe heute 180 W auf auf meinem
CamperVan) und eine starke Auto-Batterie verkaufen, sondern dazu sämtliches Zubehör bzw. uns in den
richtigen Laden im Sarit-Center bringen, wo Fehlendes zu kaufen war. Allfällige Maße etwa für Kabel
schätzte ich. Ich kannte den Inder schon eine Weile, hatte ihn als nicht-hochnäsigen Brahmanen
kennengelernt und schon Manches bei ihm für mein Haus in Westlands gekauft. Also bat ich ihn, uns
doch einen genauen Schaltplan für das Wunderwerk zu zeichnen, der sich dann als sehr hilfreich
erwies.
Auf der Farm begleiteten uns ein paar Stunden lang freundlich-zweifelnde Blicke, als wir auf der
selbstgezimmerten Dreiecks-Leiter zum Dach der Küche hochturnten und das Solarpanel fixierten, die
Kabel durch ein gebohrtes Loch im Wellblech zogen, mit Silikon abdichteten und mit der Batterie in
einer Ecke der Küche verbanden. Von der Batterie hieß es dann Kabel durch die Luft zu je einer
Glühbirne in der Küche, dem Wohnhaus und dem Haus der alten Mutter zu verlegen. Es war Ostern und
die Temperatur auch hier im Hochland schon ziemlich warm. Das allein ließ uns aber nicht schwitzen,
es war auch die Anspannung das Baby geschaukelt zu kriegen. Und so ein Baby hatten wir noch nie
gesehen. Sie waren 1987 ja auch erst ein paar Jahre auf dem Markt.
Der Schaltplan war umgesetzt, alles an seinem Platz und der Verbandskasten überflüssig. Hatten wir
alles richtig verkabelt? Wir, mit vier linken Händen, wollten es ja recht machen. Wir wollten
schließlich Licht ins afrikanische Dunkel bringen. Über die ganze Arbeit war schon die Nacht am
Äquator hereingebrochen, wie üblich war’s innerhalb von 20 Minuten dunkel. Ein Novum so ein Licht
für alle. Der Moment musste mit Andacht begleitet sein.
Alle versammelten sich in der Küche, der Schaltzentrale, um das Unglaubliche ehrfürchtig zu erleben.
Ich weiß nicht mehr, wer von uns beiden den Schalter umlegte. Ich weiß dagegen noch sehr genau und
unvergesslich, was für ein göttliches Glücksgefühl mich durchströmte, als nach Jahrmillionen Wildnis
die Glühlampe in ihrer Fassung an der Decke und raus in die Dunkelheit erstrahlte. (Später hörten
wir, dass die Nachbarn dieses seltsame, nie gesehene Licht mit Scheu betrachtet hatten.)
Dieses Glücksgefühl des Schöpfers teilte ich voll mit Meinolf. Wir Eleven hatten es geschafft, die
Sonne war aufgegangen … und es ward Licht.