Haigerloch und die Kunst
Wenn ich mich recht erinnere, hatte Kunst im Haigerlocher Schulunterricht keine Rolle gespielt. Da
waren die Fächer Deutsch, Mathematik, Latein und allenfalls Religion wichtig, alles andere war
Beiwerk. Mit Kunst wurden wir in den vielfach besuchten Kirchen konfrontiert. Es gab die wunderbaren
barocken Gotteshäuser, Annakirche und Schlosskirche, die man zur Kenntnis genommen hat. Über die
Besonderheiten der Barockkunst haben wir weniger nachgedacht. Es war wohl eher Zufall, wenn einmal
Namen wie Albrecht Dürer, Leonardo da Vinci oder Picasso fielen. Vielleicht wurde beim Besuch der
evangelischen Kirche in Haigerloch besonders die Kopie des berühmten Abendmahles von Leonardo
beachtet. Erst viel später, eigentlich nach der Schulzeit ist bei mir das Interesse an der
(Mal-)Kunst langsam erwacht.
Als wir dann 1978 nach Stadecken-Elsheim zogen, habe ich im Pfarrsaal neben unserer Kirche ein
kleines Relief entdeckt, das auf den Maler Adam Elsheimer hinweisen soll. Da kamen bei mir Fragen
nach diesem Künstler auf: Wann hat er gelebt? Hat sein Name etwas mit dem Ort Elsheim zu tun? Gibt
es irgendwo Gemälde von diesem Meister? Die wenigsten Einwohner von Elsheim konnten mit diesem
Künstler etwas anfangen. Und das machte mich neugierig. Ich beschaffte mir entsprechende Literatur.
Offenkundig war, dass der Name des Malers mit dem Namen des Ortes Elsheim zusammenhängt: Ende des
16. Jahrhunderts gab es einen Schneider namens Anthonius. Dieser wanderte über Wörrstadt nach
Frankfurt am Main aus. Weil er von Elsheim kam, nannte man ihn Elsheimer. Hier hat er es zu
bescheidenem Wohlstand gebracht, geheiratet und 1578 einen Sohn bekommen, der auf den Namen Adam
getauft wurde. Dieser ging später auf Wanderschaft und landete als Maler in Rom.
In Frankfurt gibt es das berühmte Städel, ein Museum von Weltrang. Und dieses präsentierte 2006 eine
Sonderausstellung zu Adam Elsheimer. Inzwischen hatte ich 2003 in meinem Heimatort den Jahrgang
1943/44 als eigene Institution ins Leben gerufen und diesen konnte ich zu einem gemeinsamen
Museumsbesuch ins Städel nach Frankfurt motivieren. Damit war in unserem Ort die besondere
Adam-Elsheimer-Kultur angekurbelt. Ich suchte nach weiteren Interessierten und konnte einige gute
Mitmacher aktivieren. Es wurden Feste veranstaltet, Bildungsseminar abgehalten, Wanderungen
unternommen, große Feldplakate aufgestellt u.v.m. Höhepunkt war eine Bürgerreise nach Rom im
Dezember 2010. Dort wurde mit Unterstützung der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland ein Epitaph
in der Basilica San Lorenzo in Lucina, wo Adam Elsheimer beerdigt ist, feierlich enthüllt.
Im Lauf der Zeit hat man weitere Gedenkmaßnahmen in Stadecken-Elsheim durchgeführt. Ein 6 km langer
Adam-Elsheimer-Weg durch die Weinberge mit etwa einem Dutzend Stationen wurde angelegt und eine
kleine bronzene Kopfstatue von Adam Elsheimer wurde im Ortsmittelpunkt von Elsheim aufgestellt.
Außerdem hat die Grundschule im Ort nun den Namen Adam-Elsheimer-Schule erhalten. Es gibt einen
Adam-Elsheimer-Platz mitten in den Weinbergen. Außerdem werden regelmäßig Führungen über den
Adam-Elsheimer-Weg angeboten.
Die vielfältigen Ereignisse zum 400. Todestag des Barockmalers Elsheimer 1610 in unserem Heimatort
habe ich 2024 in einem 113-seitigen Buch in DIN A 4 Format zusammengestellt.
Wenngleich das Alter zu gewissen Einschränkungen führt, so ist das Leben in dieser Phase dennoch
lebenswert, solange man einigermaßen gesund und fit ist. Aber diese persönlichen Eigenschaften
kann man erhalten oder zumindest mithelfen, dass sie weiterhin existieren. Obwohl wir in Haigerloch
eigentlich wenig über unser eigenes Alter nachgedacht haben, so konnte sich doch hier die
Eigenschaft der individuellen Selbstbestimmung in besonderer Weise ausbilden. Zwar ist das nicht
jedem hinreichend gelungen, aber wenn es funktioniert hat, dann war es dem Einzelnen zum Segen für
sein ganzes Leben. Und dafür bin ich bis heute dankbar.
Stadecken, den 15.1.2026
Hajo Stenger