Zehn kleine N….lein --- dann waren‘s nur noch vier!
Hajo Stenger, Gustl Teichmann, Rudi Schäfer, Albert Schrenk
Ja, dieser bekannte Zählreim aus dem 19. Jahrhundert kommt mir spontan in den Sinn, wenn ich kurz und kompakt über unser diesjähriges Klassentreffen – Abi 1964 – berichten will. Damals waren wir noch 13, die stolz und z.T. etwas frustriert ihr Zeugnis über die Reifeprüfung am 5. Februar 1964 in Händen hielten und kürzlich am 17. September 2021 trafen sich noch 4 inzwischen alte Männer aus dieser Elevenrunde bei Gustl in der Heerbergstraße 5 in Balingen-Weilstetten: Gustl Teichmann, Albert Schrenk, Rudi Schäfer und Hajo Stenger; zur Freude aller war noch ein Überraschungsgast gekommen, nämlich Günther Konstanzer. Er war bis 1957 in der Klasse in Haigerloch, die dann später in Großkrotzenburg Abi machen konnte. Natürlich waren meist die Ehefrauen auch dabei: Brigitte Teichmann, Beatrix Schäfer und Christa Konstanzer. Was uns alle ebenfalls sehr gefreut hat, war die Anwesenheit von Maria Hohmann, die Frau unseres jüngst verstorbenen Franz. Sie ist in Kobern-Gondorf bei den Schäfers eingestiegen und dann mit in Richtung Süden gestartet. Mit leckeren von Brigitte gebackenen Käsekuchen sorgte der herrliche Sonnenschein gleich für eine gute Gesprächsatmosphäre und ein Außenstehender hätte meinen können, ja, die treffen sich jede Woche zur Kaffeerunde: Alte und neue Geschichten waberten zwischen Kaffee und Kuchen kreuz und quer über die festlich gedeckten Tische. Vergangenes und Gegenwärtiges wechselte sich ab und machte das Ganze spannend und interessant.
Die Zeit verging schnell und im Nu dämmerte der Abend. Aber nach dem langen Sitzen sollten die alten Knochen etwas bewegt werden und so führte uns Gustl in die Kreisstadt Balingen: ein nettes kleines, sehenswertes Städtchen mit einem Bächle. Leider waren die Kirchen schon verschlossen, dass keine Besichtigungen möglich waren. Für alte Klosterschüler sind Kirchen halt immer ein guter Anlaufpunkt. Balingen bereitet sich schon einige Zeit intensiv auf die Landesgartenschau im Jahre 2023 vor; vielleicht können wir in 2 Jahren ein weiteres Treffen dort ins Auge fassen. Für Beatrix, Rudi und Hajo hatte Gustl eine Übernachtung im Haus der Volkskunst in Balingen-Dürrwangen organisiert. Dieses Domizil bestand aus zwei historischen Häusern mit viel Fachwerk und einer Einrichtung mit zahlreichen, ausgesprochen sehenswerten Objekten: alte Schreinerwerkzeuge aus früheren Tagen , Fotos von ehemals. Der Fundus war deswegen so reichhaltig, weil hier im Ort und in der Umgebung eine Vielzahl von Möbelwerkstätten und - fabriken existierten. Im zweiten Geschoss des Jetterhauses bezogen Rudi, Beatrix und Hajo zwei Mansarden mit einem herrlichen Blick auf die schwäbische Alb. Jedes Zimmer hatte den Namen eines früheren Möbelfabrikanten; einfach erstaunlich, welch große Zahl an Persönlichkeiten hier zusammenkamen. Neben den Zimmertüren konnte man auf Bildtafeln etwas über die jeweilige Person und dessen Werk lesen. Ein großer Speisesaal, reich bebildert mit historisierenden Darstellungen, Sprüchen, alten und neuen Zupf- und Blasinstrumenten, machte das Abendessen mit leckeren schwäbischen Maultaschen und Kartoffelsalat zu einem kulinarischen Erlebnis. Dabei flammten immer wieder alte Erinnerungen auf: „… kannst Du Dich noch erinnern an…“ Da Gustl das volle Vertrauen der Hauseigentümer hatte, konnten wir uns an der bestens bestückten Theke mit allen erdenklichen Trinkgenüssen bedienen. Die Zeit verging schnell und trotz anstrengender Fahrt haben alle gut durchgehalten. Mitternacht rückte näher und alle sehnten sich nach einem erholsamen Schlaf. Günther und Christel Konstanzer aus Bechtholdsweiler, ein kleiner Ort neben Hechingen, nahmen Albert mit ins Hechinger Marienheim, wo die Weißen Väter, seit 3 1/2 Jahren ihre Niederlassung haben. Maria kam bei Gustl und Brigitte unter.
Um 10 Uhr zelebrierte Albert in seiner kleinen Hauskapelle unseren obligatorischen Gottesdienst. Dabei gedachten wir besonders unserer verstorbenen Mitschüler Hubert Bonke, Franz Hohmann, Heinrich Parusel und Theo Stüer. Auch hielten wir an der guten alten Tradition fest und sangen Gregorianischen Choral, die VIII. Messe und das III. Credo. Einfach erstaunlich, wie gut das noch geklappt hat und wie ergreifend das noch aus den alten Kehlen geklungen hat. Albert führte in seiner Ansprache einiges über die Entwicklung von Haigerloch und die Gesamtsituation der Weißen Väter heute aus. Das Haus in Haigerloch wurde am 23.10.2018 an die Gemeinschaft des „Vereins der christlichen Gemeinde Kanaan e.V.“ verkauft. Es handelt sich hierbei um eine chinesische Christengemeinschaft, die von einem evangelischen Pfarrer betreut wird. Für das Haus hatte es viele Interessenten gegeben; die meisten wollten es umbauen und nach eigenen Vorstellungen eine Wohn- bzw. Hotelanlage errichten. Der Verkaufserlös kommt Ausbildungshäusern der Weißen Väter in Afrika zugute. Für Albert, der Superior des Hauses ist, war mit dem Verkauf viel Arbeit verbunden; so musste er immer wieder mit den Interessenten verhandeln und eruieren, was sie mit Haus und Gelände vorhatten. Die Stadt Haigerloch hatte zwar auch Interesse, aber hier fehlten die nötigen Mittel. Anderseits bestand auch der Wunsch, dass das Haus, das seit Anfang des 20. Jahrhunderts 3 zum Stadtbild Haigerlochs gehört, nicht abgerissen wird. Am Ende der Eucharistiefeier stand natürlich noch ein Gruppenfoto um den Altar an.
Ein Rundgang durch die Wohnanlage der Weißen Väter folgte: Im ersten Stock sind 9 Zimmer und im zweiten 7. Von den Patres trafen wir den über 90 jährigen P. Oesterle an. Ansonsten gab es noch einige Verwaltungs- und Gemeinschaftsräume. Die Zimmer und Gänge sind Alters- und Rollstuhl gerecht, sodass sich die verdienten Afrikamissionare wohlfühlen und ihren verdienten Lebensabend in einer gewohnten Brüderschaft genießen können. Kaum war der Rundgang im Marienheim beendet, wartete schon der von Günther Konstanzer organisierte Stadtführer hinter dem Haus: Herr Jörg Küster begrüßte uns und machte einige grundsätzliche Anmerkungen zur Stadt Hechingen. Erster Anlaufpunkt war dann die benachbarte Spittel Kirche, ein Kirchlein mit barocken Einrichtungsgegenständen, das heute fast nicht mehr benutzt wird. Hier wirkte der Raum vorkonziliär: kein Altar versus populum und noch Kanontafeln auf dem Altar.
Immer wieder kurz unterbrochen von Hinweisen des Stadtführers gelangten wir alsbald zur St. Luzenkirche. Dieses Gotteshaus, heute auch nur selten zum Gottesdienst benutzt, ist prachtvoll ausgebaut und eigentlich viel zu schade, um einfach nur nahezu unbeachtet herumzustehen. Kirchenpatron ist der Heilige Luzius, Patron des Bistums Chur. Das Gotteshaus diente den in der Kranken- und Armenpflege tätigen Nonnen im 14. Jahrhundert als Gebetsstätte. Später war es zeitweise Pfarrkirche von Hechingen, dann gründete Eitel Friedrich II. 5 hier 1586 ein Franziskanerkloster, das 1803 aufgrund des napoleonischen Reichsdeputationshauptschlusses aufgelöst wurde. Um 1700 hatte man die Kirche barockisiert und dem Zeitgeschmack angepasst. Große Apostelfiguren stehen in den Seitenwänden. Bei einem Besuch von uns Missionsschülern 1957 hatten wir die Kirche kurz kennengelernt. Damals waren die Großeltern unseres Mitschülers Anton Merz hier Küster und so konnten wir alles erkunden. Besonders beeindruckt hatte uns damals die imposante Weihnachtskrippe. Die Kirche war in einem sehr schlechten Zustand, vor allem auch die Orgel, sodass ich mich gleich daran machte, das Instrument näher zu untersuchen und kleine Mängel zu beseitigen. Von 1971 bis 1975 hat man das Gotteshaus gründlich restauriert und auch die Orgel wieder hergestellt.
Und schon ging es zum Mittagessen in die Hofgut Domäne, einer großzügigen Gaststättenanlage mit bestem Bier und leckeren Speisen. So konnten wir anschließend wohlgestärkt zur Hohenzollernburg aufbrechen. Auf dem Burgparkplatz wartete ein Shuttlebus.
Obwohl Gustl alles perfekt vorbereitet hatte, mussten wir doch einige Zeit warten, bis wir die Tickets erhielten. Der Stammsitz des Preußischen Königshauses ist in bestem Zustand und erwartet die zahlreichen Besucher mit allerlei Bemerkenswertem. Die heutige Anlage hat Kronprinz Friedrich Wilhelm von 1850 bis 1867 nach Plänen des Berliner Architekten Friedrich August Stüler errichten lassen. Heute erkennt der Besucher eine komplexe Anlage mit fürstlich hergerichteten Räumlichkeiten und edlem Interieur. Da es uns trotz Hilfe der jungen Aufsichtspersonen nicht gelang, die entsprechende App aufs Handy zu bekommen, mussten wir die jungen Damen um jeweilige spezielle Führungen bitten, was diese gern ausführten, zumal einige von uns ein ausgesprochenes Interesse an den ausgestellten Objekten hatten. Höchst beeindruckt ging’s dann wieder zurück ins Haus der Volkskunst, wo der Tisch schon reichlich für uns gedeckt war.
Lange bis in die Nacht ergaben sich wiederum die angeregten Gespräche und man tauschte sich über Gott und die Welt aus. Trotzdem irgendwann musste Schluss sein und es folgte wieder die waagrechte Lage. Eigentlich hatte Gustl noch für Sonntag viel geplant, aber es schien uns doch günstig, am späten Vormittag den Heimweg anzutreten. Dieser Plan hat sich als gut herausgestellt, denn die Autobahnen waren gut gefüllt und zahlreichen (Sonder)Baustellen sorgten für lange Staus und oft zähfließenden Verkehr. Schließlich sind wieder alle vier N…lein gut am heimischen Herd gelandet. Schön war’s und ein Stück unserer Vergangenheit war wieder kurz aufgeblitzt.
Stadecken, den 20. September 2021
Hajo Stenger, Gustl Teichmann, Rudi Schäfer, Albert Schrenk