Nach 55 Jahren immer noch nicht vergessen:
das Abi im Kreuzburg- Gymnasium der Weißen Väter
zu
Großkrotzenburg 1964
Hajo Stenger, Gustl Teichmann am 31.8.2019
Und wieder einmal sind sie zusammengekommen: „das Häuflein der sieben Aufrechten“ –
eine kleine Variante zu Gottfried Kellers „Fähnlein der sieben Aufrechten“. Allerdings stimmt
auch diese Überschrift nicht ganz, denn es waren nur fünf, die sich da letztendlich in
KobernGondorf trafen, nämlich Rudi Schäfer, Franz Hohmann, Gustl Teichmann, Albert Schrenk
und Hajo Stenger; die noch fehlenden zwei, die eigentlich ebenfalls kommen wollten, sind
Franz Scholz und Günther Mayer. Die Ehepartner, die dankenswerterweise geduldig und das
Ganze bereichernd ihre Männer begleitet haben, darf man ja nicht mitzählen.
Ja, bei Franz Scholz war es die Gesundheit, die ihm einen Strich durch das Treffen gemacht hat und über Günther berichten wir unten. Rudi hatte mit seiner Gattin Beatrix, unterstützt von ihrer Tochter bereits eine edle Tafel mit köstlichem Kuchen im Garten gedeckt und erwartete so im angenehmen Schatten der Bäume die Gäste. Zunächst waren Gustl mit Brigitte und Albert Schrenk nach langer Fahrt aus dem Süden an der Mosel eingetroffen und genossen die erholsame Frische im perfekt gestylten Garten der Schäfers. Schließlich stieß Hajo zu den Ersten und nach einiger Zeit kamen auch Franz und Maria aus Köln dazu. Klar, zunächst ging’s um das kürzlich erlebte: Wie war die Fahrt? Stau auf der Autobahn? … Und was man sich sonst so beim warming-up erzählt. Nach längerem Sitzen im Auto und dann anschließend im Garten tut ein Spaziergang freilich gut. Daher hatte Rudi einen kleinen Ortsrundgang geplant: Entfernt vorbei ging es an der Dreikönigskapelle (1420) und den Basalt Grabkreuzen, die die Einfassung für den umliegenden Friedhof bilden. Ein kleiner Aufstieg zum Glockenturm von 1150 brachte von der Anhöhe aus einen wunderbaren Rundblick auf Weinberge und die Mosel.
Den historischen Turm trennen einige Meter von der St. Lubentius-Pfarrkirche von 1827. Hier wird ein Arm des Heiligen Lubentius, der um 370 nach intensiver Missionsarbeit in Kobern gestorben ist, als besondere Reliquie verehrt. Vorbei an der örtlichen Grundschule und der ehemaligen jüdischen Synagoge führt der Weg zum Weingut Dötsch-Haupt. Hier erwartete uns ein Sohn des Hauses und führt uns in die Geheimnisse und Probleme eines moselaner Weingutes ein. Dass sich daran eine zünftige Weinprobe mit edlen Tropfen anschloss, war mehr als selbstverständlich. Und so konnte die Stimmung auch langsam ansteigen.
Abb. 4: Der Arm des Heiligen Lubentius in vergoldetem Schrein wird von Rudi sachkundig erläutert.
Abb. 4: Optimale Beschilderung machen den Gang durch den Ort zu einer echten Lehrstunde.
Dennoch mussten wir irgendwann zum Abendessen aufbrechen und gelangten durch romantische Gässchen an historischen Weingütern – zum Teil aus kirchlichem Besitz - vorbei zum Winzerhaus am Brunnen, wo Rudi reserviert hatte. Hier gesellte sich ein weiterer alter Schulkamerad dazu: Toni Dickers, ebenfalls in Kobern-Gondorf wohnend. Er war bis zum Schmalspurabitur 1961 in unserer Klasse und hat dann einen anderen Weg eingeschlagen. Toni ist im Ort vielfach engagiert und hat sich hier besonders mit der Keltenforschung beschäftigt. Nach einem zünftigen Menu sprach man über Gott und die Welt und immer wieder wurde die ein oder andere Episode „von damals“ eingeflochten. Da bei den meisten noch die Strapazen der Autofahrt in den Knochen steckten, wurde der Abend nicht allzu lang und zu humaner Zeit wurde der Rückweg angetreten: Albert konnte bei Beatrix und Rudi nächtigen, während die anderen im Landhaus Julia unweit vom Schäferschen Domizil ihr Nachtlager hatten. Mit der Reservierung dort hatte Rudi eine hervorragende Wahl getroffen: sehr schöne, geräumig Zimmer, leckeres Frühstücksbuffet, nette Chefin etc. Trotz dieser idyllischen Stätte durfte die Nachtruhe nicht zu lange dauern, denn am nächsten Morgen war ein spannendes Programm angesagt: Es sollte ein Spaziergang zur oben auf dem Berg liegenden St. Matthiaskapelle erfolgen. Hierhin führte eine kleine asphaltierte Straße durch ein romantisches Tal mit alten Mühlen, sodass der Aufstieg für diejenigen, die noch gut zu Fuß waren, ein wirklich einmaliges Erlebnis wurde.
Dass einige aus Gesundheitsgründen mit dem Auto hinauffuhren, ist in unserem Alter mehr als selbstverständlich. Oben angekommen, genossen wir zunächst das herrliche Panorama. Zur Freude aller erwartete uns hier Herr Gerd Straus, ein Mitglied des Kuratoriums für Heimatforschung und -pflege. Eine bessere Führung für diese bedeutende historische Stätte hätte Rudi nicht finden können. Dieses kleine sechseckige, spätromanische Gotteshaus ist sicher eines der ganz besonderen Baulichkeiten in der Region. Man hat es zur Aufbewahrung einer ganz wertvollen Reliquie, dem Haupt des Apostels Matthias im 13. Jahrhundert errichtet. 130 Jahre befand sich das Kleinod dort, bevor es nach Trier und letztendlich dort 1927 in die Abtei St. Matthias gelangte. Die Architektur der Kapelle ist für diese Region außergewöhnlich. Man kann sie allenfalls mit der Grabeskirche in Jerusalem vergleichen, das Vorbild dürft in Tomar in Portugal zu finden sein. Kreuzzüge und Pilgerfahrten ins Heilige Land brachten die Ideen mit nach Europa. Die bauliche Besonderheit bewirkte, dass man das kleine Gotteshaus immer wieder Abb. 11 Vor der Matthias-Kapelle: Rudi Schäfer, Beatrix Schäfer, Gustl Teichmann, Maria Hohmann, Hajo Stenger, Franz Hohmann, Albert Schrenk, Brigitte Teichmann sorgsam pflegte und restaurierte.
Über dem sechseckigen Grundriss erhebt sich in der Mitte eine mehr als 14 Meter hohe „Laterne“ mit seitlichen Fenstern, sodass der Raum ein ganz besonderes, ja mystisches Licht erhält. Dieser Eindruck wird noch durch die geheimnisvoll gestalteten Kapitelle mit Fratzen und Dämonen verstärkt. Die letzte erst kürzlich durchgeführte sorgfältige Restaurierung macht die Kapelle zu einem besonderen Kleinod und bietet den Rahmen für ausgewählte Konzerte und romantische Hochzeiten.
Abb. 13: Gerd Straus erläutert spannend die Besonderheit dieses kleinen Gotteshauses.
Dieses kleine Gotteshaus gehörte ursprünglich zur Oberburg. Von dieser existiert heute nur noch der massive viereckige Turm, der sich neben dem kleinen Gotteshaus erhebt. Auch dieser war lange Zeit eingefallen und ragte nur ca. 10 Meter in die Höhe. Im Mittelalter soll ein Einsiedler hier gelebt haben. Heute hat man den Turm wieder stabilisiert und auf 20 Meter erhöht. Rechts daneben und über einen Zugang unmittelbar erreichbar wurde passend zum Turmbau ein zweistöckiges Gasthaus als Wohngebäude errichtet. So kann eine Hochzeitsgesellschaft direkt nach der Trauung in der Kapelle hier weiterfeiern. Dass dort oben Leute wohnen, ist heutzutage dringend geboten, denn Vandalismus und Zerstörungswut findet sich heute allerorten. Und gerade abseits gelegene Kostbarkeiten bieten den zahlreichen Banausen und Nichtstuern immer wieder Angriffsflächen. Nach gut 2 Stunden machten sich alle tief beeindruckt auf die Katabasis. Ein anderer felsiger, steiler Pfad führte vorbei an den Felsenkreuzwegstationen über die Niederburg-Ruine hinab ins Tal. Ein kurzer Halt war dann nochmals an der Dreikönigskapelle von 1420, die uns Rudi mit seinem Schlüssel aufschließen konnte. Dieses kleine Gotteshaus mit historischen Fresken dient heute als Friedhofskapelle, liegt es doch mitten in diesem Gottesacker, der von nur ca. 1 Meter hohen Basaltkreuzen unten und seitlich eingerahmt wird. Diese Kreuze sind eine Besonderheit, denn sie zeigen Symbole, die für die entsprechend hier Beerdigten stehen. Da damals Lesen nicht jedermanns Sache war, konnten Angehörige so leicht die Grabstätten wieder identifizieren.
Nach so viel Kultur sollten natürliche Bedürfnisse nicht komplett untergehen, daher steuerte man Bäckerei Thilmann mit seiner kleine Imbissecke an. Hier sollte eigentlich Günther Mayer
Unser Interesse weckte ein spezielles Senfmuseum mit Mustardien aller Art. Am frühen Abend ging es dann in Sengs Winzerwirtschaft, ein kleiner Innenhof mit rustikaler Bestuhlung und geradezu intimer Gemütlichkeit. Unsere Plätze gruppierten sich um eine alte Weinpresse, die in eine Tischmitte eingebaut war. Und jetzt konnte der Wein reichlich fließen; dazu gab es Deftiges aus der Küche, sodass der Abend eigentlich gerettet war. Und wie immer wechselten sich Erinnerungen mit aktuellen Erlebnissen ab. So wurde beispielsweise bei Rudi noch ein kleines Erlebnis von Großkrotzenburg neu geweckt: Da sollte wieder einmal ein Aufsatz geschrieben werden, der in 2 Wochen abzugeben war. Und wie das bei Schülern üblich ist, schiebt man derartige Aufgaben möglichst weit vor sich her. Der Abgabetermin war am nächsten Tag und das Blatt war noch recht leer und die Ideen ruhten. Was war zu tun? Da beschlossen Rudi und Hajo eine Nachtschicht einzulegen. So etwas war ausgesprochen regelwidrig und geradezu „gefährlich“, zumal wir ja unter ständiger Kontrolle standen. Dennoch musste es sein. Wir schlichen mit Stift und Papier bewaffnet in einen kleinen Nebenraum der Aula, wo Musikinstrumente und andere Materialien lagerten. Hier schien es uns sicher. Mit einer alten Decke schlossen wir die Lichtaustrittsmöglichkeiten und fingen an, flüsternd unsere Gedanken abzustimmen. Doch plötzlich hörten wir das leicht scheppernde Aufgehen der Aulatür und sanfte Schritte, die nach unserer Vermutung zu P. Zender, unserem Klassenlehrer, gehörten. Schnell wurde das Licht gelöscht und wir krochen in die Decken. Und tatsächlich öffnete sich die Tür einen Spalt. Das Ergebnis, dunkler Raum und keine Insassen schien den Pater zu beruhigen und so zog er sich schnell wieder zurück und wir konnten, wenn auch etwas zitternd an unserem Elaborat weiterarbeiten. Soweit Rudi sich noch erinnern konnte, endete das Ganze schließlich mit guten Noten für unsere Aufsätze. - Freilich wurde auch gleich das nächste Treffen für die ehemaligen Kreuzburgknappen geplant; Albert lädt uns wahrscheinlich Ende Mai nach Hechingen ein, an seinen derzeitigen Standort. Für eine besondere Abwechselung sorgte der Festzug, der direkt vor der Winzerwirtschaft vorbeiführte: eine kraftvolle Moselwinzerkapelle führte schwungvoll den Vorbeimarsch an; es folgten örtliche Honoratioren und Winzergruppen, sowie Weinköniginnen und schließlich ein hervorragend restaurierter alter August-Horch PKW mit den Ehrengästen. Der Autopionier August Horch ist 1868 in Winningen geboren und war ein deutscher Maschinenbauingenieur und Gründer der Automobilbauunternehmen Horch und Audi (kleine ethymologische Anmerkung zu den Namen: „Horch“= gleich Imperativ von horchen = höre! Das Wort im Lateinischen von audire = „audi“!) Doch irgendwann endet auch die schönste und gemütlichste Runde und es ging mit dem Taxi zurück nach Kobern-Gondorf. Auf der Festmeile wurde schnell noch ein „Longo“, eine spezielle in heißem Fett gebackene Hefeteigköstlichkeit, probiert.
Am nächsten Morgen hieß es schon wieder Kofferpacken und Abschiednehmen. Rudi gab uns noch eine kleine literarische Kostbarkeit, die er über seinen Heimatort verfasst hat, mit, sodass die Erinnerungen an diese schönen Tage noch lange lebendig bleiben. Ein herzlicher Abschied folgte, aber es kam auch noch eine kleine Überraschung, denn just als die Autos in Richtung Heimat starten wollten, kam winkend Gustl von seinem Parkplatz und sagt ganz aufgeregt, dass sein Auto nicht mehr startet. Wir dachten natürlich an eine Kleinigkeit und wollten das Gefährt anschieben. Glücklicherweise liegt das Gästehaus auf einem Berg, sodass sich eine gute Anrollmöglichkeit ergibt, aber alles vergebliche Liebesmühe. Und trotz Beteiligung einiger freundlicher Anwohner war der Motor nicht zu starten. Wir schleppten dann den Patienten zu einer großen Werkstatt am Ortsrand. Diese hatte wider Erwarten aber am Samstag geschlossen. Da Gustl im ADAC ist, wurde gleich diese Adresse angerufen und nach anderthalb Stunden tauchte endlich der Gelbe Engel auf, der sofort das Problem erkannte: Die Steuerungskette für die Ventile am Motorblock ist defekt. Was tun? Es wurden allerlei Möglichkeiten ventiliert. Letztendlich organisierte der Gelbe Engel einen Pick-up, der den defekten PKW auflud und ihn zusammen mit Brigitte und Gustl nach Balingen brachte. Inzwischen hatte sich noch ein weiteres Problem aufgetan. Albert, der zusammen mit Gustl gekommen war, hatte am frühen Abend einen Gottesdienst in Hechingen; also brachte Rudi ihn zum Bahnhof nach Koblenz und setzte ihn in einen Zug in Richtung Hohenzollern. Ende gut – alles gut! Hoffen wir, dass wir uns alle im nächsten Jahr wieder in alter Frische und bei guter Gesundheit treffen werden.
Stadecken, den 31.08.2019
Hajo Stenger, Gustl Teichmann
Fotos: Rudi Schäfer, Hajo Stenger, Günther Mayer