Die Klepfer

Webseite ehemaliger Schüler der Weißen Väter und ihrer Weggefährten

Denker

Was hat mir Haigerloch fürs Leben gebracht?

von Dr. Hajo Stenger

In der letzten Etappe meines Lebens stehend, frage ich mich, wie lang diese noch sein wird. Dies entzieht sich zwar meiner Kenntnis, eines jedoch ist sicher, mit dieser Phase wird mein Leben zu Ende gehen, seien es nun 3 oder wenn‘s hochkommt, 20 Jahre. Gehen wir einmal von der derzeitigen durchschnittlichen Lebenserwartung von 80 Jahren aus, dann habe ich davon 3 Jahre in Haigerloch – das sind 3,75 % - und insgesamt 12 Jahre – das sind 15 % - bei den Weißen Vätern verbracht. Eigentlich eine relativ kurze Zeit im Hinblick auf das gesamte Leben, dennoch waren insbesondere die 3 Jahre in Haigerloch eine sehr entscheidende Zeit, denn in diese Epoche fiel die Pubertät, jener Lebensabschnitt, in dem aus dem Kind der Mann wird. Wenngleich es hier individuell große Abweichungen gibt, so geschehen jedoch in dieser Abb. 1 Lebensetappe für jedermann – und natürlich für jedefrau - Veränderungen, die Auswirkungen auf das ganze Leben haben.

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Abb. 1:  Das Missionshaus Haigerloch in den 90er Jahren; oben ist das einige Jahre zuvor entstandene Progymnasium Haigerloch zu erkennen

Dies macht gerade unsere Vergangenheit in Haigerloch zu einem ganz besonderen Lebensabschnitt. Ob sich unsere damaligen Erzieher, insbesondere die Patres, die unseren Alltag bestimmt haben, voll und ganz dieser gewichtigen Situation bewusst waren, wage ich zu bezweifeln. Auch hier gab es freilich fundmentale Unterschiede. Ich glaube kaum, dass sich einer unserer erziehenden Patres ausgiebig mit der kindlichen/jugendlichen Entwicklung – wissenschaftlich - befasst hat. Fernsehen als Bildungsmedium war ohnehin unbekannt. Die Patres haben sich nicht anderes verhalten als die meisten unserer Eltern:
Man hat so erzogen, wie man es früher selbst erlebt hatte. Eine bewusste Reflektion über das eigene Erziehungsverhalten fand wohl kaum statt. Die 68er Jahre lagen damals – 1956-1959 verbrachte ich in Haigerloch - noch in weiter Ferne. Die Erziehenden haben sich in ihrem pädagogischen Tun so verhalten, wie sie es selbst erfahren hatten. Freilich war dies divergierend und hing von den unterschiedlichsten Faktoren ab, z.B. Bildungsstand der Eltern, Lebensschicksale der Eltern, Milieueinflüsse etc. Andererseits haben die pubertierenden Heranwachsenden das Verhalten ihrer eigenen Erzieher übernommen, meist unbewusst und unreflektiert. Wenn ich an meinen Vater denke – und hier wird es jetzt sehr persönlich! – so hat er sich doch mir gegenüber genauso verhalten, wie er es in seiner Kindheit bzw. Jugend erlebt hatte. Freilich war sein Vater bereits verstorben, als er noch ein 9jähriger gewesen war, sodass er selbst kein konkretes Vaterverhalten erlebt hatte. Er griff also in seinem Erziehungsverhalten auf andere „Vaterfiguren“ zurück. Diese waren in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts erheblich von der unseligen Nazizeit geprägt. Durch seine kirchliche Einbindung als Messdiener und Pfadfinder in einer Frankfurter Großstadtpfarrei erlebte er ein Gegengewicht, das ihn doch wesentlich mitgeprägt hat. Auch solche kirchlichen Gruppen waren von nicht zu übersehender Autoritätshörigkeit geprägt. Die Rolle des Pfarrers war selbst in der Großstadt von uneingeschränkter Autorität gekennzeichnet. Das Wort des Pfarrers galt für die Gemeindemitglieder: Rückfragen und Zweifel stellten sich nicht. Pfarrer machen keine Fehler! Die Situation in dörflichen Gemeinschaften waren sicherlich ähnlich: Was der Pfarrer sonntags auf der Kanzel verkündigt hat, war das Evangelium, Zweifel und Kritik ausgeschlossen. Und diese Grundhaltungen waren unumstößlich. Auch hier ist es ganz wichtig und ausschlaggebend, auf individuelle Umstände und Erfahrungen hinzuweisen.

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Abb. 2:  Silbernes Priesterjubiläum von P. Beiter im Februar 1958; P. Beiter hatte mit uns Schülern wenig zu tun; er war Propagandapater und reiste ständig von einem Missionsvortrag zum anderen. Der begabte Musikus P. Schröter (vorn links) leitet den mehrstimmigen Gesang.

So habe ich, so haben viele, vielleicht sogar die meisten von uns ihre Kindheit verbracht und mit diesem Backgrund sind sie in Haigerloch eingetreten, um hier lebensentscheidende Jahre zu verbringen. Neulich kam ich zufällig in Kontakt mit einem früheren Mitschüler aus Großkrotzenburg, von dem ich über 50 Jahre nichts mehr gehört hatte. Er sagte mir, dass er seine „Weiße-Väter-Zeit“ völlig „vergessen“ habe, obwohl er doch fast 7 „Pubertätsjahre“ in mehreren Missionshäusern verbracht hatte. Für mich war dies ein Einlass, einmal darüber nachzusinnen, was mir meine Zeit in Haigerloch bzw. Großkrotzenburg und später fürs Leben gebracht hat. Auf jeden Fall kann ich den Satz meines ehemaligen Mitschülers so nicht gelten lassen. Mag sein, dass ich ein anderes Vergangenheits-Bewältigungs-System verinnerlicht habe. Vielleicht hat auch mein angeborener Sammeltrieb bewirkt, dass ich Erinnerungsstücke, insbesondere Fotos aus der Vergangenheit gut aufbewahrt habe. Allerdings trifft dies nicht auf mein gesamtes bisheriges Leben zu. Da gibt es Abschnitte, die ich nur noch ganz schemenhaft erinnere, andere sind mir so präsent, als ob ich sie erst kürzlich durchlebt hätte. Dieses Phänomen trifft freilich auch auf Menschen zu, denen ich in meinem Leben begegnet bin: Einige verbleiben als verblasste Schatten, andere stehen mir noch leibhaftig vor Augen. Als ich 2016 auf unserem Klassentreffen in Erlaheim war, habe ich die Gelegenheit wahrgenommen, um abgesehen vom Missionshaus alte Stätten der persönlichen Erinnerung aufzusuchen: Bittelbronn und Weildorf, Haigerlocher Anna- und Schlosskirche. Da hat sich vieles verändert: Aus den damals verschlafenen Dörfchen mit einfacher, ländlicher Kultur sind wohlgestalte, moderne Orte geworden. Das damals dort Erlebte würde sich heute ganz anders zutragen und würde somit auch einen anderen Eindruck, einen anderen Charakter vermitteln. Da stellt sich nicht die Wertungsfrage, ob es besser oder schlechter geworden ist, zumal eine Antwort darauf müßig wäre, sondern da bleibt lediglich die Feststellung, dass es eben heute anders ist. Inwieweit auch diese damaligen Umstände auf mein heutiges Leben Auswirkungen haben, wäre sicherlich Stoff für eine wissenschaftliche Untersuchung. Man könnte auch alles unter dem Aspekt Nostalgie subsummieren. Ob man damit jedoch die tatsächliche Wertigkeit erschöpfend erfasst, lasse ich einstweilen einmal offen. Andererseits bin ich davon überzeugt, dass alles, was wir mehr oder weniger intensiv erlebt haben, seine Spuren in uns hinterlassen hat. Solche Spuren können verwehen und nach einiger Zeit kaum mehr sichtbar sein, sie können aber auch so markant bleiben, dass sie den weiteren Weg beeinträchtigen und zwar ohne dass wir bewusst zurückblicken. Ich möchte mich jetzt nicht ins Philosophisch-Spekulative verlieren, deswegen muss ich jetzt den Schlenker zur Realität machen und versuchen, die Ausgangsfrage Was hat mir Haigerloch fürs Leben gebracht? angehen.
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Abb. 3:  Orgelbastelleien 1958 an der Mauer, die den AnnaWeg seitlich abstützt, rechts die Fenster des Speisesaals

Wesentliches dazu habe ich ja an mehreren Stellen der Klepferseiten schon eingebracht, deswegen genügt hier nur ein kurzer Hinweis: In Haigerloch habe ich ein Hobby gefunden, das bis heute meinen Lebensweg ganz stark beeinflusst hat: Orgelbau. Die Bedeutung eines Hobbys für den Lebenslauf ist lange unterschätzt worden. Auch findet nicht jeder Mensch den Weg zu solch einer Lieblingsbeschäftigung, zu einem speziellen Steckenpferd. Anderen gelingt es, diese in der Pubertät aufkeimende Beschäftigung zu einer Lebensaufgabe, zu einem erfolgreichen Beruf auszubauen. So höre ich immer wieder von Jungen und Mädchen, die schon mit 10 Jahren gerne Geschichten geschrieben haben und ab der Adoleszenz damit ihren Lebensunterhalt verdienen. Freilich kann man auch an berühmte Musiker denken, die schon in der Pubertät exzellent ein Instrument beherrschen und es dann zu wahrer Meisterschaft gebracht haben. Die Notwendigkeit, ein besonderes Hobby auszubauen und zu pflegen, wurde damals in Haigerloch und in den späteren Missionsschulen nicht gerade gefördert. Man hat solches Ansinnen unter einem speziellen Aspekt bewertet: Kann er das später als Missionar gebrauchen? Das war die Richtschnur, an der das Handeln der Missionszöglinge oft gemessen wurde. Alles, was insbesondere handwerklich in Afrika verwendet werden könnte, hatte schon den Touch des Guten und zu Fördernden.

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Abb. 4:  Die Klosterband Fastnacht 1962 vlnr. Isidor Iffland, Josef Hück, Rudi Schäfer, Günther Welde; zu dieser Zeit war das Blasorchester der Kreuzburg bereits Geschichte und die Musikanten haben auf eigenen Instrumenten gespielt.

Da berichtete mir doch gerade vor ein paar Tagen ein Klassenkamerad von einem speziellen Erlebnis in Großkrotzenburg etwa 1960/61. Als wir damals 1959 in die Kreuzburg eingetreten waren, gab es dort ein noch recht großes Blasorchester, das von einem auswärtigen Dirigenten – man nannte ihn „Glätze“ - geführt worden war. Nachdem sich dieser Mann wohl aus Altersgründen zurückgezogen hatte, fand man keinen Nachfolger. Ob man hat sich dabei zu wenig Mühe gegeben hat, oder ob man bewusst diese Art des Musizierens in den heiligen Hallen einstellen wollte, entzieht sich meiner Kenntnis. Auch war der Förderer dieser Kapelle P. Alfons Hirt inzwischen in ein anderes Missionshaus versetzt worden. Einige aus unserer Klasse hatten sich schon als künftige Mitspieler den alten Bläsern hinzugesellt und haben mit großer Freude und Engagement geübt. Auf Grund des über lange Jahre erfolgreichen Musizierens hatten sich zahlreiche Musikinstrumente im kleinen Kämmerchen neben der Aula angesammelt. Niemand kümmerte sich mehr darum. Stattdessen wurde ein Mandolinenorchester unter der Leitung von PAF gegründet; solches macht nämlich nicht so einen Lärm und Krach wie ein Blasorchester. Trotzdem blieb die Faszination Blasmusik bei einigen Klassenkameraden und sie kultivierten das Blasmusizieren und spielten auf eigene Faust weiter, so Rudi S. Die Trompete hat ihn so begeistert, dass er „entgegen diesem Trend“ sich über den Lindberg Katalog eine neue Trompete bestellen wollte. Wie damals üblich wurde die Post meist vom Superior kontrolliert und Rudi S. musste zum Superior kommen – soweit ich mich noch erinnere, war das zu dieser Zeit P. Buck. Dazu schreibt Rudi S. „Mit Nachdruck wurde mir klargemacht, wenn ich Musik machen wolle, dann nur im Streichorchester, Blasmusik sei out. Es gab natürlich Ärger, als ich nach den Osterferien dann doch mit einer Trompete nach Großkrotzenburg kam. Das ist so ein Eingriff in das persönliche Leben, der das Klosterleben nicht gerade attraktiv macht…“ (aus einer E-Mail von Rudi S. zu meinem Geburtstag im Juni 2017). Was damals in Großkrotzenburg geschehen ist, lässt sich auch entsprechend auf Haigerloch übertragen: Hobbys mussten in das vorgegebene Missionarsschema passen. Es bleibt jedoch die Frage, wer dieses „Missionarsschema“ aufstellte und das lag nach meiner Meinung an dem jeweils zuständigen Pater, wobei natürlich auch der Aspekt zu berücksichtigen ist, ob sich dieser in der Patreskommunität entsprechend durchsetzen konnte. Da hatte ich etwas Glück mit meinem Orgelhobby: Orgeln gehören zum Gottesdienst und auch in Afrika gab es orgelähnliche Instrumente, damals meist Harmonien, die sich in einigen Buschkirchen fanden. Von daher hatte ich gute Karten. Als ich meine Orgel für die Missionshauskapelle in Großkrotzenburg bauen wollte, hatte ich einen großen Fürsprecher im Patreskreis, dessen Wort einiges zählte, zumal er Schulleiter war. Und nur ihm ist zu verdanken, dass ich mein Werk vollenden konnte. Ich weiß auch, dass einige Patres stark opponiert hatten, aber sie konnten die Autorität von P. Jetter nicht brechen. Das Orgelhobby hat mir auch zweifellos das spürbare Wohlwollen einiger Patres eingebracht. Und so hat sich im Lauf meiner Schulzeit das verfestigt, was in Haigerloch seinen Ausgang genommen hatte. Auch während meiner langen Studienjahr ist die Orgelliebe nicht erloschen, sondern hat mich wenn auch zeitweise ganz im Hintergrund begleitet. Schließlich habe ich über die Orgel meine Frau kennengelernt und eine Riesenorgel in meinem jetzigen Haus gebaut, die täglich von meiner Frau gespielt wird. Zehn Jahre war ich Leiter des Arbeitskreises Hausorgel in der Internationalen Gesellschaft der Orgelfreunde e.V. Und bis heute baue ich noch kleine Orgeln und ich habe mich in den letzten 25 Jahren auf die Fertigung eines ganz besonderen barocken Orgelteils spezialisiert, nämlich den Zimbelstern. Hunderte von diesen kleinen Orgelteilen habe ich schon gebaut und an Orgelbauer in der ganzen Welt geliefert. Und alles hat letztlich seinen Anfang in Haigerloch genommen …
Dieser „Rest“ von Haigerloch ist sicher ungewöhnlich, eklatant und ausgesprochen hartnäckig. Dennoch gibt es andere, bei weitem nicht so spektakuläre Prägungen von Haigerloch, die ich verinnerlicht habe. In Haigerloch mussten wir Schüler uns alle einer absoluten Autorität unterwerfen. Diese war letztendlich religiös begründet. Und das war wohl die höchste und am wenigsten anzweifelbare Autorität. Die Handlanger dieser waren die Patres. Sie setzten in die Realität, was Gott von uns verlangte. So konnten keine Irritationen aufkommen. Mit der Pubertät wächst natürlich auch kritisches Nachfragen. Da nimmt der junge Mensch nicht einfach alles unwidersprochen hin: Er setzt sich zur Wehr, wägt ab, hinterfragt. Zunächst einmal ganz vorsichtig und umsichtig, dann aber immer stärker werdend. In einer Großstadt, die damals wie heute durch ihr plurales Lebensgefühl geprägt war, geboren und aufgewachsen, war ich schon sozusagen von Natur aus kritisch. Das ist auch einigen Patres und Lehrern in der Internatszeit aufgefallen, die mein Tun und Denken sehr in Frage gestellt haben. So ganz passten wir Frankfurter Missionsschüler nicht in das Schema der Haigerlocher Pennäler, die weitgehend doch aus den umliegenden ländlichen Regionen kamen. Irgendwie waren wir anders und nicht nur wir, sondern auch diejenigen, die ebenfalls ihre Kindheit in städtischer Umgebung verbracht hatten. Man darf das Kritischsein nicht negativ sehen, obwohl es damals oftmals als solches tituliert wurde, sondern es kann zu neuem Tun und Denken anregen. Diese positive kritische Grundhaltung ist bei mir sicher in Haigerloch auch grundgelegt worden und hat mich mein ganzes Leben begleitet. Gelegentlich bin ich zwar damit ins berühmte Fettnäpfchen getreten, aber dennoch bin ich froh, dass mir diese Grundhaltung eignet. Wie groß der Anteil an dieser Entwicklung in Haigerloch ausgebildet wurde, lässt sich, wenn überhaupt, nicht mit ein paar Worten umschreiben.
Der Alltag im Missionshaus war aus unserer Sicht sehr monoton und ermüdend: Jeder Tag lief nach der gleichen Regel entsprechend dem Glockenschlag ab: Abwechslung = Fehlanzeige. Der räumliche Rahmen war auch nicht gerade von neuen Erfahrungen geprägt, sieht man von wenigen Ausnahmen, so die zweimaligen Spaziergänge in der Woche ab. Neue Menschen hat man auch höchst selten erlebt: Patres, Bruder, Angestellte und Mitschüler immer wieder gleich. Mädchen in unserem Alter tauchten allenfalls in den Ferien auf; ansonsten hatte diese Gattung Mensch keinen Platz in unserer Welt. Diese sture Monotonie hat in mir etwas entwickelt, was ich salopp als Systematik bezeichnen würde: Alles hat seine Ordnung und diese Ordnung gilt es zu schaffen und zu bewahren. Andererseits haben mir diese Ordnungsgedanken oft in meinem Leben weitergeholfen und mir immer einen Weg für die Zukunft eröffnet. Aus negativer Monotonie ist bei mir konstruktiver splendor ordinis geworden. Dieser Gedanke führte im Missionshaus Haigerloch zu extremen „Blüten“: Ich erinnere mich noch gut an einen Mitschüler, Ludwig P. Er hat in seinem Spint seine Hemden etc. ganz exakt mit einem Lineal aufgeschichtet, sodass er immer von dem regelmäßig kontrollierenden Pater das höchste Lob erhalten hat. Zurückblickend muss man allerdings sagen, dass diese übertriebene Korrektheit krankhaft war, denn besagter Schüler wurde später auch psychisch krank und lebt heute schon lang nicht mehr.
Stichwort Frömmigkeit; dazu wäre zunächst einmal zu klären, was unter dem Begriff „Frömmigkeit“ zu verstehen ist. Auch das lässt sich nicht mit ein paar Worten zufriedenstellend definieren. Für eine umfassende Abhandlung ist hier nicht der Ort. Wir müssen uns an dieser Stelle also auf ein paar Aspekt beschränken. Als fromm galt der Missionsschüler, der die Regeln insbesondere im Hinblick auf alle religiösen, täglichen Akte vorbildlich eingehalten hat. Das mag zwar pharisäisch klingen, aber eine andere Beurteilungskategorie ist nun mal nicht möglich. Es ist ja nicht machbar, das Innerste eines Menschen nach außen zu kehren. Versuchen wir einmal eine Konkretisierung: Als fromm angesehen wurde derjenige, der morgens pünktlich zum Morgengebet in die Kapelle kam, dort nicht müde in der Bank lümmelte, sondern aufrecht kniete, fleißig mitbetete, nicht schwätze, nicht lachte, nicht gähnte, mit gesenktem Blick die heilige Kommunion empfing …, bei der Betrachtung das Leben eines besonderen Heiligen vor seinem inneren Auge vorbeifließen ließ…, abends die Hände auf der Bettdecke ruhend selig einschlief… Man könnte eine Vielzahl von Mosaiksteinchen zusammensetzen, um den Tagesablauf jenes frommen Knaben zu beschreiben. Diese Äußerlichkeiten wurden dann schnell auf die innere Befindlichkeit übertragen, die sich zu einem Gesamtbild formierte: fromm. Unter den o.g. Gesichtspunkten war ich nicht so ganz fromm; da saß mir gelegentlich schon der Schalk im Nacken, wenn ich schon morgens beim Waschen am Trog im Schlafsaal mal bewusst etwas unkontrolliert spritzte, damit der Nachbar auch in den Genuss des frischen Nass kam … und bei den Betrachtung in der Kapelle kreisten meine Gedanken um Orgeln, die ich vielleicht irgendwann und irgendwo zu bauen gedachte … und immer wieder habe ich während der ausgiebigen Silentiumszeiten hier und da einmal verstohlen Kontakt mit einem Mitschüler aufgenommen… und während der Studienzeit im Klassensaal habe ich mich auch nicht immer ordentlich mit schulisch notwendigen Inhalten befasst. Trotz dieser Lapsus hatte ich im Lauf der Jahre einen Habitus angezogen, der von Außenstehenden mit dem Prädikat „fromm“ bezeichnet wurde: Ich bin täglich in die Messe gegangen, habe morgens und abends gebetet… habe mich bemüht, beim Gottesdienst ganz bei der Sache zu sein… habe meine Phantasie gezügelt und nicht in meinen Träumen an hübsche Mädchen gedacht, die Gott zwar so schön gemacht hatte, aber, wie man uns immer wieder sagte, nicht für uns, für mich. Ich hatte ja eine viel größere und wichtigere Aufgabe, ich sollte den Heiden das Wort Gottes, das Evangelium verkünden und sie zu frommen Christen machen. Dafür wird mich Gott nach meinem Tod ordentlich belohnen. Aber diese Belohnung lag ja noch in weiterer Ferne, also waren auch Einzelheiten hierzu noch nicht relevant. Das Missionswesen war die höchste Aufgabe und der bedeutsamste Auftrag, den Gott den Menschen stellen kann.

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Abb. 5:  Besuch einer Bekannten in Trier; dabei präsentierten wir uns gern klerikal mit schwarzem Anzug und Kollar

Diese ganz spezielle Frömmigkeit bröckelte jedoch im Lauf der Jahre und besonders dann, wenn der Lebensweg eine neue Etappe beschritt. Beim Wechsel von Haigerloch nach Großkrotzenburg hat sich nicht viel geändert. Wir waren zwar etwas älter und vielleicht auch ein wenig reifer geworden, aber der alltägliche Lebensrahmen, abgesteckt von der Tagesordnung, ist geblieben. Beim Philosophiestudium in Trier dann erfolgte ein erster großer Wandel. Äußerlich waren wir dem klerikalen Ziel schon etwas näher gerückt: Wir trugen klerikale Kleidung, wenigstens sonntags: Kollar und schwarzer Anzug. Das fiel in der damaligen Zeit noch richtig auf und man empfand sich selbst als Kleriker, als Mann Gottes, der einen besonderen, von den anderen abgehobenen Lebensweg nun beschreiten wird. Entsprechende Fotos wurden an Eltern, Freunde und Verwandte geschickt, was wiederum das eigene Bewusstsein verfestigte und vertiefte. Wir waren nun, so glaubten wir, bewusst oder unbewusst, etwas Besseres als die anderen alle.

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Abb. 6:  Die Patres – hier der „große Philosoph“ P. Früh - in Trier trugen meist keine WeißeVäter-Kleidung, sondern waren nur im dunklen Anzug unterwegs.

Das Weiße-Väter-Sein tritt zunächst einmal in den Hintergrund, zumal unsere damaligen Patres und Brüder in der Dietrichstraße 30 weitgehend auch keine Weiße-Väter-Kleidung trugen, sondern sich meist klerikal schwarz kleideten.

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Abb. 7:  Fastnacht in Trier 1966 v.l.n.r. Gerhard Waigand, Franz Schäfer, Hubert Bonke (†) und P. Ilsen

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Abb. 8:  Seminarausflug mit Picknick in der Umgebung von Trier: vlnr. Hubert Bonke †, Albert Schrenk (z.Zt. Superior in Haigerloch, Peter Roth (†)
Mit dem Eintritt ins Noviziat in Hörstel kam nun das Weiße-Väter-Bewusstsein stärker in den Blick, allein schon durch die feierliche Einkleidung in das weiße Gewand der Afrikamissionare. Ich setzte mich intensiv mit dem Missionsgedanken auseinander. Anregungen erhielten wir von unserem Novizenmeister P. Schneider. Es war ein sehr robuster, werktätiger Mann, vielleicht ein wenig grob geschnitzt, wohl Ende 50, der seine Ideen durchzusetzen wusste. Von seiner theologischen Ausstrahlung ist mir heute nichts mehr im Gedächtnis. Der leicht gehbehinderte P. Grup (?), der uns in die Exegese einführte, hat bei mir gewisse Spuren hinterlassen, denn mit einer aufgeweckten Neugier habe ich biblische Forschungsansätze erlebt.

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Abb. 9:  Unser Noviziatskurs; v.l.n.r. hintere Reihe: Franz Lienen (wurde später Priester der Diözese Paderborn), Friedel Gärtner (WV†), Martin Neher (?) , Werner Wanzura (Weißer Vater), Richard Keller (?), Lothar Maurer (?), Albert Schrenk (Weißer Vater), Walter Moser (?) - vordere Reihe: Hubert Bonke (Weißer Vater), Hajo Stenger, Peter Roth (Weißer Vater †), Novizenmeister P. Schneider, Fritz Stenger (Weißer Vater), Michael Üecker, Jürgen Pelz (Weißer Vater), Günther Mayer


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Abb. 10:  Das Studienhaus der Weißen Väter in Totteridge im Norden Londons, ein kasernenartiges, schmuckloses Gebäude

Eigentlich hatte ich bis zu dieser Erfahrung die Bibel wie schon zu Haigerlocher Zeiten noch kindlich gelesen und verstanden, jetzt erschienen für mich manche Aussagen in neuem Licht. Diese neuen Perspektiven geleiteten mich zu bislang unbedachten Einsichten. Und da waren da noch die 30tägigen ignatianischen Exerzitien. Es sollten eigentlich (Frömmigkeits-)Übungen sein. Wie ich die Zeit überstanden habe, weiß ich nicht mehr genau, wahrscheinlich auch mit der Lektüre erlaubter, erbaulicher Literatur, so z.B. Heiligenlegenden etc. Ob sie meine persönliche Frömmigkeit und Gottergebenheit gefördert hat, wage ich heute zu bezweifeln; ob ich daraufhin ein anderer Mensch geworden bin, halte ich ebenfalls für nicht zutreffend. Aber es ist wohl damals etwas weitergewachsen, was mich früher schon interessiert hat, nämlich das Interesse am Klosterleben, obgleich Hörstel gar kein Kloster war. Ein ganz gravierender Bruch mit der traditionellen Frömmigkeit kam dann nach dem Noviziat mit dem Umzug nach Totteridge (London). Die Internationalität - ich glaube, war kamen damals aus 31 verschiedenen Nationen – konfrontierte mich mit verschiedenen Frömmigkeitsformen, die sich so gar nicht mit den meinigen in Einklang zu bringen schienen: eifriger Messdiener in der Heimatpfarrei, Missionsschüler mit der festen Absicht Missionar zu werden, die armen Heiden bekehren, d.h. sie so zu machen, wie ich es in meiner Jugend daheim erlebt hatte… Irgendwie passte das alles nicht zusammen und ich kam mir völlig entwurzelt vor. Für mich blieb nur noch die Flucht und so wechselte ich Hals über Kopf im Januar 1968 in das Priesterseminar meiner Heimatdiözese Limburg nach Frankfurt-St. Georgen. Hier war alles anders: eine recht lockere Gemeinschaft, keine strenge Hausordnung, große Selbständigkeit … Damals entstanden die sog. Equips. Das waren kleine Gruppen aus 5-7 Philosophie/Theologiestudenten, die sich regelmäßig zu „geistlichen“ Gesprächsrunden trafen; mit dabei war dann ein geistlicher Impulsgeber, der Subregens oder ein Jesuitenpater.

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Abb. 11:  Unsere Equipe auf Tour in Holland; mit dabei war auch unser Equipeleiter Pfarrer Kilian. Neben geistlich-pastoralen Gesprächen gab es auch eine Feuerzangenbowle.

Für mich kam noch eine besondere Situation dazu, dass ich nämlich sehr schnell zum ASTA-Vorsitzenden der Hochschule St. Georgen gewählt wurde. Und die Hochschulpolitik kochte damals recht hoch. So organisierte ich Protestmärsche, Demos, Sit-ins u.ä. und beteiligte mich freilich auch an denselben. Natürlich haben wir auch positiven Protest gemacht. Ich erinnere mich noch gut an die Aktion Biafra – eine westafrikanische Region, die unter einer enormen Hungersnot litt. An einem Wochenende in der Weihnachtszeit 1968 haben wir bei eisiger Kälte mit etlichen Kommilitonen im turbulenten Frankfurter Weihnachtsgeschäft die damals enorme Summe von 8000 DM gesammelt, um den Afrikanern zu helfen. Ich denke, das war eine Tat der Nächstenliebe, entsprungen aus vertiefter Frömmigkeit und dem Missionsgedanken. Gleichzeitig war ich aber auch ein 68er geworden: rebellisch, gegen überkommene Werte, freiheitlich, selbstbewusst. Die nicht zuletzt in Haigerloch verankerte Frömmigkeit hat mich aber dann doch bei der „Stange gehalten“ und so trat ich 1970 ins Priesterseminar in Limburg ein und ließ mich am 8. Dezember 1970 weihen, einige Tage später feierte ich in meiner Frankfurter Pfarrei meine Primiz. Zwei ehemalige Mitstudenten aus meiner Weiße-VäterSchulzeit waren mit dabei und als Festprediger hatte ich mir den früheren Superior von Trier P. Ilsen geholt.

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Abb. 12:  Fastnachtsvortrag mit Pfarrer Alfred Heinze in Königstein, meiner ersten Stelle
Mit Begeisterung machte ich mich an meiner ersten Kaplanstelle in Königstein an die Arbeit. Dort wohnte ich zusammen mit einem aufgeschlossenen Pfarrer A. Heinze und einem geistlichen Lehrer an der Bischof-Neumann-Schule, Manfred Stolte, im Pfarrhaus. Jetzt setzte ich meine pastoralen Schwerpunkte: Kindergottesdienste, Jugendarbeit, Altenarbeit, Messdienerarbeit; als einer der ersten habe ich Mädchen als Messdienerinnen hier eingeführt…Nach einem Jahr musste ich regulär die Pfarrei verlassen und ich wurde in die Großstadtgemeinde Frankfurt-Niederrad versetzt. Hier residierte ein charakterschwacher Pfarrer in den mittleren Jahren, der ganz von einer Nonne dominiert wurde. Und diese Frau war wohl eher Teufel als Nonne. Sie hatte den Pfarrer völlig in der Hand; abends zogen sich die beiden in eine abgeschlossene Suite des Pfarrhauses zurück. Ein Kaplan hatte da keine „Überlebenschance“. Wäre ich ein Heiliger gewesen, hätte ich vermutlich den Spagat zwischen verrückter Nonne und pastoraler Hingabe geschafft. Und so beschloss ich recht schnell, mich durch ein weiteres Studium für meine Pfarrtätigkeit weiter zu qualifizieren. Ich dachte an eine „halbtägige Freistellung“, d.h. Tätigkeit in einer Wiesbadener Pfarrei und Studium der Erwachsenenbildung an der Uni in Mainz. Dies lehnte der damaligen Limburger Bischof rigide ab, zumal ihm der Priesterrat im Nacken saß, der die vielen Weiterbildungswünsche von Mitbrüdern in Anbetracht des aufziehenden Priestermangels sehr ablehnend beurteilte. Und da ich mir auch von einem Bischof, von der damals für mich zuständigen Autorität nicht vorschreiben lasse, was zu tun, was ich selbst als gut und richtig erkannt habe, kam es zum Bruch mit der Diözese und ich musste im Alter von 30 Jahren wieder ganz von vorne anfangen. Da ich plötzlich ganz auf mich gestellt war, habe ich mein Leben neu geordnet und mich schweren Herzens vom Priestertum verabschiedet, obwohl ich das eigentlich gar nicht wollte. Ich denke, dass mein kritisches Hinterfragen von Autoritätsentscheidungen auch seine fernen Wurzeln in Haigerloch hat.

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Abb. 13:  Die wunderbare, barocke Schlosskirche in Haigerloch gegenüber dem Missionshaus; leider finden hier heute fast keine Gottesdienste mehr statt.

Obwohl die drei Haigerlocher katholischen Kirchen eigentlich keinen besonderen Stellenwert in der Kunstgeschichte haben, hatte ich Schloss- und Annakirche doch als prächtige Barock-Kunstwerke erlebt. Zwar habe ich als Knabe und Heranwachsender noch nicht die nötige Sensibilität für diese Kunstform entwickelt, dennoch hat sie mich irgendwie berührt. In meiner Heimat Frankfurt gab es praktisch keine Barockrelikte. Die Bomben des Zweiten Weltkrieges hatten in der Mainmetropole alles in Schutt und Asche gelegt. Die wiederaufgebauten Kirchen waren alle im sog. modernen Stil: zweckmäßig, nüchtern, praktisch, ohne Schnörkel und Zierrat. So erlebte ich in Haigerloch etwas ganz Neues. Zugegeben fasziniert hat mich diese Kunst nicht auf Anhieb; es brauchte schon ein wenig Zeit, damit mein Verständnis für das Besondere wachsen konnte. Nun, die Weißen Väter hatten dafür scheinbar auch keinen Blick und somit konnten sie den Missionsschülern auch nichts davon mitgeben. Vielleicht lag es auch an der damaligen Zeit: Die Menschen mussten erst einmal das wieder aufbauen, was durch Krieg und Nationalsozialismus zerstört worden war. Diese Mühe ließ bei den meisten kaum Raum für Kunst. Im Missionshaus von Haigerloch und auch von Großkrotzenburg erinnerte nichts an Barock. Auch die musikalischen Highlights dieser Epoche konnten bei den Eleven der Afrikamissionare kaum zum Durchbruch kommen. Da gab es den gregorianischen Choral, der Höhepunkt und Norm des sonntäglichen Festgottesdienstes war. Der Haigerlocher Musikus P. Schröter hat zwar mit uns gelegentlich auch ein paar barocke Passagen, so das Halleluja von Händel eingeübt, aber auch diese Musik konnte nur mit fremder Hilfe seinen Höhepunkt entfalten, weil es bei uns an den nötigen Instrumentalisten und auch an den Frauenstimmen fehlte.
Als ich bei unseren jüngsten Klassentreffen in den letzten Jahren in Haigerloch weilte, habe ich mich staunend für eine kurze Zeit sowohl in die Anna- als auch in die Schlosskirche gesetzt, habe die Augen geschlossen und in meinem Inneren die Orgelkonzerte von Händel gehört: Diese wunderbare Musik an diesen wunderbaren Orten lässt Menschen den Himmel auf Erden erleben. So wollten es die Barockkünstler auch erreichen: ein Stück Himmel auf Erden. Dass dieser Himmel nicht für alle damaligen Menschen Wirklichkeit wurde, ist mir schon bewusst, so auch, dass viele Menschen mühsam schuften und sich abrackern mussten, dass nur wenige Privilegierte das genießen konnten, was hervorragende Künstler für sie geschaffen haben. Allein die beiden Haigerlochen Kirchen, die inzwischen hervorragend restauriert sind, machen einen Besuch in dem Eyachstädtchen lohnenswert. Schade ist nur, dass in diesen prächtigen Gotteshäusern das klangvolle Lob Gottes heute nahezu verstummt ist. Wie bereits oben erwähnt trat der gregorianische Choral in Haigerloch in besonderer Weise in den Blick, oder besser ins Gehör. In meiner Heimatpfarrerei Heilig Kreuz in Frankfurt gab es eine Choralschola: eine Gruppe von reifen Heranwachsenden, die regelmäßig im Hochamt diesen Gesang pflegte. Diese Gruppe schien aber unnahbar und sie wirkte irgendwie arrogant, sodass Liebe zu dieser monastischen Gesangskultur kaum aufkommen konnte. In Haigerloch bekam der Choralgesang einen neuen Stellenwert für mich. Unter Leitung von P. Schröter wuchs in mir langsam das Verständnis für diese mittelalterlichen, monastischen Melodien. Eine eigene Schola gab es in Haigerloch nicht, dies war erst in Großkrotzenburg möglich, hier waren wir gesanglich gefestigter und konnten ohne lange Proben Ordinarium und Proprium des Sonntagsgottesdienstes zustande bringen. Obwohl ich nicht der absolut sichere Sänger war, leitete ich ab Unterprima unsere kleine Schola, die im Mittelgang stehend die Gottesdienste bereicherte. Bis heute ist mir die Liebe zu dieser speziellen Gesangsart geblieben, wenngleich ich selbst aufgrund meiner angeschlagenen Stimme keine besondere Eignung für diese speziellen Melodien mehr mitbringe. Mit dem Choralgesang verbinde ich hallende, romanische Gotteshäuser, in denen eine Schar von Mönchen das Gotteslob darbringen. Auch das ist heute selten geworden. In den wenigen aktiven Klöstern heutzutage hat oftmals modernes Liedgut Eingang gefunden, fehlt es doch vielfach an geeigneten Mitbrüdern, die diesen wertvollen, kulturellen Schatz haben können.
Ich bin dankbar dafür, dass ich als Missionsschüler in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts noch einen kleinen Hauch von dieser o.g. Barockwolke miterleben durfte. Vielleicht hatte sich doch für mich ein ganz klein wenig der Himmel geöffnet und ich durfte erahnen, was dem vorbehalten ist, der in die ewige Glückseligkeit einziehen wird. Zwar wird dann alles anders sein, „weil kein Auge je gesehen hat, was denen vorbehalten ist, die den Herrn lieben“ 1 Kor 2,9, aber ich bin fest davon überzeugt, dass die sakrale Barockkunst und der Choralgesang mir wenigsten die Richtung vorgegeben haben.

Stadecken, im Juli 2017

Hajo Stenger, ergänzt von Rudi Schäfer