Internatsleben und Kreativität
Der immer wiederkehrende, gleiche Tagesablauf im Missionshaus brachte einen
gewissen Rhythmus in unser Leben. Andererseits ist so eine
Gleichförmigkeit für manchen Pennäler – so auch für mich -
furchtbar langweilig. Freilich konnten wir uns immer wieder mit
schulischen Aufgabenstellungen beschäftigen, aber dies war nicht
jedermanns Sache. Mancher hat dann heimlich, damit es die Aufsicht
nicht merkt, in einem spannenden Buch geschmökert oder sich
irgendwie mit irgendetwas beschäftigt, was so nach schulischer
Arbeit aussah, aber in eine ganz andere Richtung ging.
Dieser
Sachverhalt hat sich auch nicht durch einen Wechsel z.B. von
Haigerloch nach Großkrotzenburg grundlegend geändert. Zwar sind die
schulischen Anforderungen gewachsen, aber auch gleichzeitig der
Wunsch nach Abwechslung. Um dieser Kalamität zu entgehen, habe ich
immer wieder neben meinem Orgelhobby, andere Betätigungsfelder
gesucht und so fing ich an, kleine Büchlein zu schreiben. Das
schien mir kreativ und abwechslungsreich zugleich. Diese Tätigkeit
während der offiziellen Studienzeit fiel nicht besonders auf.
Vier
von diesen Miniaturbändchen im Oktavformat mit den folgenden Themen
habe ich heute noch in meinen Erinnerungskisten: unsere Pfarrkirche
Heilig-Kreuz in Frankfurt, Orgelbautechnik, ein Theaterstück mit
dem Titel „Das Extemporale“ und schließlich ein kleines Heftchen
mit dem superfrommen Namen „… fiat voluntas tua…“ . Letzteres
Heftchen habe ich 1960 zum Geburtstag meines Vaters
zusammengestellt. Was mir damals besonderen Spaß gemacht hat, war
die nahezu professionelle Ausstattung der Hefte: Leinenbindung, buntes
Cover und Schönschriftschreibweise mit Tusche und Feder. Die Bindung
geschah in der hauseigenen Buchbinderei hinten im Nebengebäude. Damals war
unser Klassenkamerad Ludwig Pfaff für dieses Gewerk zuständig und da ich
einen recht guten Draht zu ihm hatte, konnte ich gelegentlich in der
Mittagspause dort unter seiner Anleitung werkeln, denn Ludwig arbeitet wie
ein echter Profi, war doch System und exzellente Ordnung sein Ding. Er
hatte beispielsweise seine Hemden und die Unterwäsche in seinem Spint mit
dem Lineal ganz exakt aufgeschichtet, was ihm immer wieder das besonders
dicke Lob der gelegentlich kontrollierenden Patres einbrachte.
Inhaltlich bringt
„...fiat voluntas tua...“ den Tagesablauf in der Kreuzburg und stellt diesen
als gottgewollte Voraussetzung für das spätere Missionarsleben dar. Ich –
und ich denke, viele meiner Mitschüler – war damals fest davon überzeugt,
dass ein späteres Leben als Missionar in Afrika meine/unsere Zukunft ist.
Etwas anderes kam für mich wie für die meisten anderen nicht in Frage.
Übrigens der im Text erwähnte bärtige Bruder, der die anderen morgens
weckte, war Br. Eduard, ein wahres Original, ein echter alter „Haudegen“,
ein Missionar alten Stiles mit Kimme und Korn. Leider habe ich kein Foto
von ihm. Er soll im Krieg ein Auge verloren haben, was ihn aber wenig
beeindruckte. Trotzdem fuhr er mit dem hauseigenen Unimog mit Vehemenz und
Selbstbewusstsein recht zügig durch die kleinen Gässchen von
Großkrotzenburg. Meines Wissens ist aus diesem Grund irgendwann einmal die
Polizei im Haus aufgetaucht, was aber seinen Fahrstil wenig beeinflusst
hat. (und hier kommen jetzt die 30 Seiten des Büchleins)
