Ende einer Ära?
Die Nachricht von der Aufgabe des Missionshauses in Haigerloch löst bei einer ganzen Reihe von
ehemaligen Schülern verständlicherweise Trauer und Melancholie aus. Ich habe dort die Jahre 1958
bis 1960 erlebt und meine Erinnerungen sind positiver Natur und auch nicht durch den zeitlichen
Abstand verklärt. Es waren mit die schönsten Jahre als Schüler bei den WV. Was haben wir dort für
Streiche gespielt, wobei ich zwar nicht der Leibhaftige persönlich war, aber irgendwie seinem
Dunstkreis zugerechnet wurde. Das ging sogar so weit, dass der Provinzial persönlich eigens nach
Haigerloch kam, um aus heutiger Sicht harmlose Bubenstreiche zu untersuchen und zu ahnden. Da ich
aber sehr starke Fürsprecher unter den Patres hatte, blieb mir eine „Strafversetzung“ erspart –
Höchststrafe wäre der Rauswurf gewesen.
Nun kommt aus meiner Sicht der Dinge die Aufgabe von Haigerloch nicht überraschend und reiht sich
nahtlos in die Schließung anderer Häuser der ehemals selbständigen deutschen Provinz ein. Unter uns
vom Abijahrgang 1965 geht ein markanter Satz um: „Hinter uns gingen stets die Türen zu“. Da wären
in loser Reihenfolge Linz am Rhein, Rietberg, Zaitzkofen, Amberg, Groß-Krotzenburg, das Noviziat in
Hörstel, Frankfurt u.a. zu nennen. Damit geht auch ein massiver Rückgang der Berufungen einher. Dies
und noch mehr Hintergründe kann man auf den Internetseiten der WV im Kapitel „Geschichte der
Weissen Väter“ detailliert nachlesen. In den ehemals anderen selbständigen europäischen Provinzen
erging es den WV ähnlich, was ebenso auf andere Ordensgemeinschaften zutrifft.
Dieser „Schrumpfungsprozess“ ist nicht auf die Weissen Väter alleine beschränkt, sondern reiht sich
ein in einen massiven Rückgang der Akzeptanz von Kirche allgemein in ganz Europa. Die Zahl der
Kirchenaustritte ist ohne Zweifel ein sehr deutliches Zeichen.
Die viel interessante Frage ist jedoch, warum und wodurch dieser Prozess zustande kam. Manche
„Fachleute“ sind ganz schnell bei der Sache, indem sie allgemein den Niedergang von Religion
darstellen als Konsequenz des Modernisierungsprozesses, ausgelöst durch Wissenschaft und
Rationalität im Zuge der Aufklärung. In diese Richtung äußern sich gerne manche Soziologen. Diese
und ähnliche Erklärungen greifen aber nach Ansicht des kanadischen Philosophen Charles Taylor zu
kurz, haben bestenfalls den Charakter von Begleiterscheinungen. In seinem Buch „Ein säkulares
Zeitalter“ legt er die Hintergründe des hier angedeuteten Schrumpfungsprozesses ausführlich dar. Er
zieht eine Grenze im Jahre 1500 und versucht zu zeigen, wie von dieser Grenze aus die zahlreichen
Reformen der lateinischen Kirche im Laufe der Jahrhunderte eine Entwicklung beflügelt und befördert
haben, welche zum Entstehen einer mehr und mehr individualisierten Form von Religion führte und
den modernen Menschen schließlich ohne transzendenten Bezugspunkt auskommen lässt. Die
ehemals ganz selbstverständliche Verbindung zwischen täglichem Leben und Religion hat sich in einem
schleichenden Prozess zusehends gelöst, Glaube wird immer weniger selbstverständlich. Dieser von
Taylor als „ausgrenzender Humanismus“ beschriebene Prozess kann hier bestenfalls angedeutet
werden. Wer mehr darüber erfahren will, dem sei die Lektüre von Charles Taylor empfohlen. In letzter
Konsequenz bedarf der vernünftige und sich selbst disziplinierende Mensch keiner göttlichen
Verwandlung mehr und infolgedessen werden Kirchen und deren Einrichtungen immer weniger
gebraucht. Das Wohlergehen liegt in dieser Welt und nicht mehr in einem höheren Ziel. Ängste vor
Nichterwählung durch Gott oder die Abhängigkeit von Naturkräften schwinden. Das „abgepufferte
Ich“ als Beförderer von Wohlfahrt und Fortschritt lebt und entwickelt sich in einem rein immanenten,
undurchlässigen Rahmen, losgelöst von jeglicher Transzendenz - deswegen „abgepuffert“. Religiöses
Leben und religiöse Praxis werden von diesem „Ich“ gewählt oder verworfen. Damit geht auch die
Ablehnung institutioneller Formen von Religion einher. Diesem Individualismus entspricht eine
Pluralität von religiösen Wegen und Ausdrucksformen, lehrhafte Aussagen und Traditionen verlieren
immer mehr an Gültigkeit. Religion stirbt also keineswegs ab, wie manche Säkularisierungstheoretiker
gerne glauben machen wollen, entzieht sich aber immer mehr einem institutionellen Rahmen. Ich
erlebe dieses hier in aller Kürze skizzierte Phänomen individualisierter Religiosität während meiner
alljährlichen Tätigkeit als Betreuer einer Pilgerherberge in Frankreich. Die meisten Pilger, die
größtenteils aus Frankreich, Belgien, Holland und Deutschland vorbeikommen, sind sehr offen für die
Frage nach Sinn und Religion, berichten gerne über das, was sie auf ihrem Pilgerweg bewegt oder
umtreibt. Immer wieder erlebe ich, wie Glaube und Unglaube koexistieren, erlebe aber auch die
deutliche Distanz zu institutionalisierter Religiosität. So wie man nicht zwingend dem mittlerweile
1000jährigen Jakobusweg folgt, sondern dessen Verlauf nach eigenem Geschmack variiert, genauso
virtuos geht man mit Religion um, indem man das auswählt, was in diesem Augenblick gefällt, wobei
diese Wahl oder Auswahl in aller Regel keinen Ewigkeitswert beansprucht.
Selbst wenn man Taylor nicht in allen Punkten folgt – es gibt zahlreiche Kritiker seiner
Beschreibung – wird hier ein Beschreibungsmodell angeboten, das die wachsende Distanz zwischen Gesellschaft und
Glaube bzw. Kirche verständlich zu machen versucht. Die Weissen Väter sind lediglich Teil eines
Prozesses, dessen Ausgang niemand vorhersagen kann. Auch noch so viele Unterschriften werden
daran nichts ändern können.
Gerhard Waigand Frankfurt, den 15.4.2016