Die Klepfer

Webseite ehemaliger Schüler der Weißen Väter und ihrer Weggefährten

Die Gedanken sind frei

Gestern Abend hat unser örtlicher Männergesangverein sein Jahres Konzert gegeben. Ein Blick in das Programm ließ mich sofort aufmerken. Da stand: Lied 5 Die Gedanken sind frei. Und sofort schossen mir Erinnerungen durch den Kopf. Das war nämlich das Lied, das wir in den Jahren 1961 bis 1964 in Großkrotzenburg bei fast jeder „weltlichen“ Gelegenheit mit unserem Chor schmetterten. Der aus dem nahen Aschaffenburg kommende Musiklehrer und Chorleiter Dr. Leucht hatte es mit uns einstudiert und es schien ihm wohl, dass genau dieser Kantus so richtig auf die Mission Schüler passt.

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Abb. 1: Der Musikus Dr. Leucht in der Aula vor dem Tonbandgerät, immer gut gelaunt und mit vielsagendem Blick

Vielleicht hat er auch gespürt, dass sich darin die besondere Befindlichkeit der heranwachsenden jungen Männer im Internat Großkrotzenburg widerspiegelt:


1) Die Gedanken sind frei,
wer kann sie erraten,
sie fliehen vorbei
wie nächtliche Schatten.
Kein Mensch kann sie wissen,
kein Jäger erschießen,
es bleibet dabei:
die Gedanken sind frei.

2) Ich denke, was ich will,
und was mich beglücket,
doch alles in der Still,
und wie es sich schicket.
Mein Wunsch und Begehren
kann niemand verwehren,
es bleibet dabei:
die Gedanken sind frei.

3) Ich liebe den Wein,
mein Mädchen vor allen,
sie tut mir allein
am besten gefallen.
Ich bin nicht alleine
bei meinem Glas Weine,
mein Mädchen dabei:
die Gedanken sind frei.

4) Und sperrt man mich ein
im finsteren Kerker,
das alles sind rein
vergebliche Werke;
denn meine Gedanken
zerreißen die Schranken
und Mauern entzwei:
die Gedanken sind frei.

5) Drum will ich auf immer
den Sorgen entsagen
und will mich auch nimmer
mit Grillen mehr plagen.
Man kann ja im Herzen
stets lachen und scherzen
und denken dabei:
die Gedanken sind frei.

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Es handelt sich hier um ein deutsches Volkslied, das Ende des 18. Jahrhunderts aufkam und das sich in verschiedenen Versionen langsam verbreitet hat. Die letzte Version geht auf August Heinrich Hoffmann von Fallersleben zurück. Die Grundgedanken nach Freiheit des Menschen durchziehen die Geschichte und sie durchbrechen seit dem Humanismus die Ideenwelt des Menschen: Der Mensch sehnt sich nach Freiheit und hat ein Recht darauf. Von Sophie Scholl wird berichtet: Ihr Vater Robert Scholl wurde im Sommer 1942 wegen hitlerkritischer Äußerungen gefangen genommen. Sophie Scholl soll sich abends mit ihrer Blockflöte vor die Gefängnismauern gestellt haben und für ihren einsitzenden Vater dieses Lied gespielt haben.


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Abb. 2: Der gut gelaunte Dr. Leucht bei unserem Abikommers

Der sicher sehr sensible Musikus Dr. Leucht hat damals in Großkrotzenburg etwas gespürt, das viele Eleven im Grunde ihres Herzens bewegt hat. Zwar waren alle freiwillig dort, aber irgendwie durften und konnten wir da nicht ausbrechen. Wir haben einiges in Kauf genommen, um höhere Ziele zu erreichen, oder man wollte uns zu diesen höheren Zielen hinführen. Und dieser Weg war nicht immer einfach und komplikationsfrei.


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Abb. 3: Dr. Leucht kam in unserer Abizeitung unberechtigterweise nicht gut weg

Bemerkenswert ist, dass die 3. Strophe von uns nicht gesungen wurde, sie war uns auch nicht bekannt. Mädchen durften in unserer Welt nicht vorkommen. Sie waren, wie es oft in der „Geistlichen Lesung“ hieß, für andere geschaffen. Für unsere Zukunft waren Mädchen und Frauen nicht vorgesehen. Da konnte auch der Wein als sog. Hilfsmittel nichts daran ändern...

Stadecken-Elsheim, 7. November 2021

Hajo Stenger