Was mich von Haigerloch heute bewegt
Ganz klar, für viele Menschen ist das erste Zusammentreffen mit dem künftigen Lebenspartner, der
künftigen Lebenspartnerin, ein zeitlebens prägendes Erlebnis, das man nicht mehr vergisst.
Allerdings ist dies nicht das Einzige, was dem eigenen Leben einen unauflöslichen Stempel
aufdrückt.
Darüber hinaus gibt es Erfahrungen, Begegnungen, Situationen, die einen bleibenden, ja
bestimmenden
Eindruck hinterlassen. Ich würde dies als sogenannte Kontingenzerlebnisse mit zeitlebens
bleibender
Prägung bezeichnen.
Für mich war das Kennenlernen der Orgelwerkstatt Stehle in Bittelbronn anlässlich der
Kartoffelkollekte 1957 ein solches Erlebnis mit Folgen bis zum heutigen Tag. Davon habe ich in
meinem Klepferbeitrag über P. Schröter bereits ausführlich geschrieben. Und in der Tat hängt
seit
etwa 70 Jahren mein Herz an der Orgel, am Orgelbau. Seither habe ich fast 10 Orgeln gebaut.
Dabei
war es nicht so sehr das Orgelspiel, sondern der Bau eines solchen Instrumentes, was mich
fasziniert. So steht in unserem Musikzimmer einer der größten von einem „Laien“ gebauten Orgel.
Den
Orgelbau habe ich nie als Beruf erlernt, sondern alles habe ich mir im Lauf der Jahre
autodidaktisch
angeeignet. Schließlich war ich 10 Jahre Leiter des Arbeitskreises Hausorgel in der
Internationalen
Gesellschaft der Orgelfreunde e.V. Außerdem habe ich eine Schrift über den Hausorgelbau
initiiert.
Und auch heute stehe ich regelmäßig in meiner Werkstatt. Bis zu meinem 80. Lebensjahr habe ich
eine
kleine Firma betrieben, die Zimbelsterne für Pfeifenorgeln herstellte. Über 500 solcher
„Spielereien“ konnte ich weltweit verkaufen. Ein spezieller Freundeskreis der Hausorgel-Freunde
ist
entstanden und mit einigen habe ich nach wie vor beste Kontakte.
Selbstverständlich habe ich mich auch in meiner Pfarrei in Sache Orgel engagiert. Da habe ich
die
Restaurierung einer Barockorgel von 1769 als Sachverständiger begleitet und auch den
Wiedereinbau
der Orgel in unserer Pfarrkirche nach deren Restaurierung betreut. Hierzu habe ich im Jahr 2000
eine
Schrift verfasst. Mein Bemühen war es damals, möglichst viele Gemeindemitglieder
miteinzubeziehen.
Dass ich als Redakteur die Hauptarbeit erbringen musste, versteht sich von selbst. Wenngleich
die
Orgel im Mittelpunkt steht, ging es doch auch um die Menschen, die direkt oder indirekt mit der
Orgel in der Kirche zu tun haben. Folglich ergab sich auch der Untertitel: Von Orgeln,
Kirchenmusik,
Menschen im Stadecken-Elsheimer Land.
Abb. 1: Das Titelbild der 250-seitigen Schrift zeigt die Orgel mitten im Geschehen, umgeben von Gemeindemitgliedern, Chören, den Kirchengebäuden und der Rheinhessischen Weinbergs-Landschaft
Die damalige Einweihungsfeier am Pfingstfest 2000, bei der auch die 250seitige Schrift vorgestellt wurde, war ein besonderes, außergewöhnliches Ereignis. Die Kirche war übervoll, ausgewählte Sänger des Mainzer Domchores sangen das Canticum LAUDAT DOMINUM OMNIS TERRA IN ORGANIS, das unser Orgelfreund und Komponist Friedhelm Deis extra zu diesem Anlass komponiert hatte. An der Orgel brillierte der Mainzer Domorganist Albert Schönberger, der am Ende sagte, eine solche Orgeleinweihung habe er in seiner gesamte Organistenlaufbahn noch nicht erlebt. Ja, Hobbys können schon einen bleibenden Eindruck hinterlassen und lebensbestimmend wirken. Und wenn damit eine gute Sache getan wird und anderen Menschen Freude bereitet wird, dann erfüllen diese Liebhabereien auch ihren Zweck.
Stadecken-Elsheim 12.01.2026 Hajo Stenger
