Der Griff ins Leere
Viele , viele Jahre fuhr ich mit dem Fahrrad am letzten Samstag im Juli nach Haigerloch, denn am letzten Sonntag im Juli wird dort immer das St. Anna- Wallfahrtsfest festlich begangen.
Vor der Errichtung der jetzigen Wallfahrtskirche befand sich an dieser Stelle schon eine im Jahre 1408 erwähnte Kapelle, deren Gnadenbild der heute in der Kirche befindlichen Mutter Anna Selbdritt nachempfunden ist, also der hl. Mutter Anna als Mutter Mariens und dem Enkelsohn Jesus auf dem Schoß.
Die heutige Kirche wurde in den Jahren 1753 bis 1757 durch Fürst Joseph Friedrich von Hohenzollern - Sigmaringen vom Haigerlocher Baumeister Christian Großbayer unter Mitwirkung des jungen Bildhauers Johann Georg Weckenmann als Barock - Rokoko- Kirche erstellt und gilt als die schönste Kirche in Hohenzollern. Bei gutem Wetter beginnt der Gottesdienst um 10 Uhr im St. Annahof. Dort ist ein erhöhter auf Freialtar aufgebaut, seitlich rechts davon ist der Platz für den Kirchenchor. Bei schlechter Witterung findet der Gottesdienst in der Kirche statt und immer waren auch die Weißen Väter als Konzelebranten oder seltener als Prediger bei der Feier anwesend. Heute wirken neben dem Haigerlocher Kirchenchor auch Projektchöre aus den Nachbargemeinden wie z.B. Stetten oder Weildorf oder auch Kinderchöre mit. Im Anschluss an die Messe servierten früher die Haigerlocher Pfadfinder in Zelten neben dem Feuerwehrhaus ein einfaches Mittagessen. Das war für mich immer die letzte Stärkung vor der Heimfahrt nach Ahlen. Die Pfadfindergruppe wurde übrigens 1989 vom Stadtpfarrer W. Kirchmann gegründet! Heute bietet ein Gemeindeteam einen kleinen Umtrunk mit Brezeln an.
Die ersten Jahre fuhr ich noch mit dem Trekkingrad, Satteltaschen und Rucksack los und in der „Krone“ belegte ich immer ein Zimmer für eine Nacht.
Später stieg ich aufs Rennrad um und ein Rucksack genügte. Wenig Gewicht war angesagt über die Schwäbische Alb über Riedlingen, Gammertingen, Burladingen, Hechingen und Haigerloch!
Abends vor dem Fest fand die letzte Probe des Kirchenchors in St. Anna statt und danach
gemütliches Zusammensitzen vor der Kirche bei kühlen Getränken . Auch die Kirchenbesucher waren
eingeladen, also auch ich und mein Begleiter, der unbedingt einmal das
Annafest besuchen wollte.
Radfahren war eigentlich nicht so "seine Sache", da er sich lieber auf dem Rücken seiner
drei Pferde "bewegte". Ich wusste, dass er ein "kritischer Geist" war und das zeigte sich
beim Verlassen der Annakirche, als er feststellen musste, dass das Weihwasserbecken leer
war. O Gott, das durfte nicht sein! Schimpfend verließ er die Kirche!
"Das ist doch nicht so schlimm, das kann passieren", versuchte ich ihn zu beruhigen .
Aber kaum saßen wir in mir vertrauter Runde, als mein Begleiter ums Wort bat und lauthals
verkündete: "Jetzt fahre ich einmal mit dem Rad fast 100 km vom Federsee über die raue
Alb zum Annafest, dem höchsten Fest in Haigerloch und greife ins Weihwasserbecken. Und siehe
da, es ist leer! Das gibt es doch nicht , das darf nicht sein !"-
Kurze Betroffenheit herrschte vor und mir als Begleiter war gar nicht mehr so wohl.
Die kleine und etwas korpulente Mesnerin erstarrte beinahe vor Schreck und rannte dann
zusammen mit einer Sängerin los, um den "Schaden" zu beheben und die beiden Becken aufzufüllen.
Danach wurde es doch noch ein harmonischer Abend und mein Begleiter war jetzt auch
zufrieden , zumal er von viel "holder Weiblichkeit" umgeben war.
Ich aber nahm mir fest vor, zum nächsten St. Annafest wieder allein zu fahren ...
Hans Geisinger, 17.11.2025