Haigerloch und die Senioren
Bei unseren letzten Besuchen in Haigerloch mussten wir feststellen, dass aus dem Haus, wo sich
früher viele jugendliche Schüler tummelten, plötzlich ein Altersheim geworden ist. Hier verbrachten
jetzt alte Patres und Brüder meist nach ihrem jahrelangen, anstrengenden Aufenthalt in der Mission
die letzten Jahre ihres Lebens. Es war dies ein großes Haus und viele konnte sich an ihre Schulzeit,
die sie in diesem Missionshaus verbracht hatten, erinnern. Aber was machten die Senioren vor Ort
tagein tagaus? Viele Möglichkeiten gab es da nicht, zumal beispielsweise eine Autorundreise oder
eine Besichtigungstour so ohne weiteres nicht möglich war. Dazu fehlten auch die finanziellen
Möglichkeiten.
Ja, die Frage nach dem Leben im Alter hat mich schon immer beschäftigt und ich habe auch während
meines Zweitstudiums dieser Problematik viel Zeit gewidmet. Schließlich habe ich mich mit meiner
Dissertation 1974/75 intensiv mit dieser Thematik auseinandergesetzt. Verschiedene Umstände haben
dann doch dafür gesorgt, dass ich Lehrer für Politikwissenschaften, BWL und Religion/Ethik an
einer Schule wurde.
Es war im Jahr 2003, als ich meinen 60. Geburtstag hier im Ort feierte. Dazu lud ich alle
Gleichaltrigen zu einem Orgelkonzert in unsere Elsheimer Pfarrkirche St. Walburga ein. Hier spielte
der Mainzer Domorganist Albert Schönberger für die Jubilare ein besonderes Orgelkonzert und
anschließend gab es einen Sektempfang. Aus diesem ersten Zusammenkommen hat sich dann eine feste
Größe entwickelt. Zwar war der Schuljahrgang 1943/44 früher gelegentlich zum Kaffee- oder
Schoppentrinken zusammengekommen, aber es fehlte die feste Struktur. So haben wir beschlossen,
künftig etwas gemeinsam zu unternehmen. Dieser Beschluss führte im Lauf der letzten 23 Jahre zu über
80 erlebte Gemeinsamkeiten, dabei sind die gelegentlichen, weiterhin bestehenden Kaffee- und
Schoppentreffen nicht miteingerechnet. Anfänglich waren es noch Busfahrten, die bis Colmar gingen.
Da stand Speyer, Worms, Kirchheimbolanden, Aschaffenburg, Trier, Ro- ckenhausen und Maria Laach auf
dem Programm. Dazu gehörten auch Besuche beim SWR und ZDF. Hier lernten wir bekannte Größen von Funk
und Fernsehen kennen. Jedes Jahr stand ein Weihnachtsmarkt auf dem Programm: von Rüdesheim bis
Fulda; Trier und Frankfurt boten beste Vorweihnachtserlebnisse. Meist bewirkten spezielle
Besichtigungen optimale Informationen. Besonders bemerkenswert war eine Nacht im Mainzer Dom, wo
allerlei Geistergestalten durch die heiligen Hallen schwirrten und für Spannung und Grusel sorgten,
aufgelockert von fantastischen Orgelklängen. Auch wurden Spuren der Römer, die sich in unserer
Gegend doch zahlreich finden, aufgesucht, ob in Alzey, im Binger Wald oder in Mainz. Kirchen waren
immer eine dankbare Anlaufstelle. Mehrfach wurden jüdische Einrichtungen aufgesucht. Mit
zunehmendem Alter beschränkten wir uns auf die nähere Umgebung: Mainz, Oppenheim, Rüdesheim oder
Ingelheim. Und immer wieder war ein leckeres Abendessen dabei. Da konnte das Erlebte ausführlich
erörtert werden und neue Ideen kamen ins Gespräch. Oftmals kam dabei der Wunsch auf, die bunten
Erlebnisse in einem kleinen Bändchen zusammenzufassen.
Wenngleich das Alter zu gewissen Einschränkungen führt, so ist das Leben in dieser Phase dennoch
lebenswert, solange man einigermaßen gesund und fit ist. Aber diese persönlichen Eigenschaften
kann man erhalten oder zumindest mithelfen, dass sie weiterhin existieren. Obwohl wir in Haigerloch
eigentlich wenig über unser eigenes Alter nachgedacht haben, so konnte sich doch hier die
Eigenschaft der individuellen Selbstbestimmung in besonderer Weise ausbilden. Zwar ist das nicht
jedem hinreichend gelungen, aber wenn es funktioniert hat, dann war es dem Einzelnen zum Segen für
sein ganzes Leben. Und dafür bin ich bis heute dankbar.
Stadecken, den 15.1.2026
Hajo Stenger